~ Last summer ~

Titel der Story: Last summer
Autor: Betzi
Genre: Romanze
Fsk: 14
Disclaimer: Das Copyright der Songtexte liegt bei den jeweiligen Songwritern.

1. Kapitel
Ich sitze in der Sonne auf meiner Fensterbank und lasse die Beine baumeln. In der einen Hand halte ich die Fernbedienung meiner Stereoanlage, in der anderen Hand verqualmt eine Zigarette.
Um mich herum scheint ein Sturm zu toben. Es werden Türen geknallt, Stimmengewirr dringt an mein Ohr.
Mit einem Seufzer lehne ich meinen Kopf an den Fensterrahmen und nehme einen Zug meiner Zigarette. Wie kann man diesem Krach nur entgehen? Mir bleibt nur eine Möglichkeit – ich zähle mit den Fingern die Tasten meiner Fernbedienung nach und halte meinen Daumen dann ganz lang auf einer Taste.
Mit einem Mal strömt Svens Stimme lautstark durch den Raum:

„Die Wirklichkeit,
Sie ist der Untergang für mich
Vergib der Zeit
Im Morgen finden wir uns nicht...“

Ich kann sofort in dieser Stimme versinken und alles um mich herum verschwindet. Es hat seine Wirkung und ich bekomme von meiner Umgebung nichts mehr mit.

Mit einem Male werde ich durch ein Vibrieren aus meinen Gedanken gerissen. Vor Schreck lasse ich meinen Zigaretten-Stummel fallen, der nun fröhlich über meinen Boden kullert.
Fluchend springe ich zurück ins Zimmer und bücke mich, um das Missgeschick zu beseitigen.
Schnell habe ich die Zigarette eingeholt und in den Aschenbecher befördert. Ich betrachte aus einiger Entfernung den dreckigen Fußboden und ärgere mich über meine Bangigkeit.
‚Wie kann man nur so leicht zu erschrecken sein!’, schimpfe ich mich selbst, bevor ich aus dem Zimmer gehe, um einen Staubsauger zu holen. Noch immer leicht wütend über mich selbst, bemerke ich die Veränderung im Haus nicht.
Rasch habe ich das gesuchte Gerät gefunden und macht mich wieder auf den Weg in mein Zimmer, um die Folgen meiner Schusseligkeit zu beseitigen.
Gerade als ich die Stöpsel in die Dose stecke, werde ich stutzig. Ich öffne die Zimmertür einen Spalt und strecke meinen Kopf heraus. Es empfängt mich eine angenehme Ruhe, die nur durch die Musik aus meinem Zimmer unterbrochen wird. Erstaunt gehe ich in die Diele hinaus und öffne die Tür zum Nebenzimmer. Der Raum ist verlassen, man kann nur noch Spuren einer Urlaubvorbereitung erkennen. In mir keimt die Hoffnung auf, dass ich nun endlich zwei Wochen Ruhe vor meiner Familie habe. Um sicher zu gehen, rufe ich einfach die Treppe hinunter: „Hallo, seid ihr noch da?“ Als keine Antwort kommt, verbessert sich meine Laune schlagartig.
Singend spaziere ich zurück in mein Zimmer und sauge erst mal die Asche weg.

Nachdem ich endlich sämtliche Spuren in den Beutel des Staubsaugers verbannt habe, lasse ich das Rohr achtlos fallen. ‚Es ist schließlich niemand da, der meckern kann’. Mit einem Mal wird mir bewusst, was das für mich bedeutete! Endlich habe ich die Ruhe, die ich brauche, um glücklich zu sein. ‚Na ja, Ruhe ist relativ’, lache ich in mich hinein.
Ich schaue mich im Zimmer um. Mein Blick bleibt an der Fernbedienung hängen, die mir Minuten zuvor aus der Hand gefallen ist. ‚Hah!’ Mit einem Satz bin ich wieder an der Fensterbank und hebe sie auf. Gerade will ich den Volume- Knopf betätigen, als mir eine bessere Idee kommt: Es ist doch viel schöner, die anschwellende Lautstärke in den Fingern zu spüren! Also springe ich zur Anlage und werde einen kurzen Blick auf meine CD-Sammlung. Eigentlich weiß ich ja schon, was ich hören will: „Last summer“ von den LostProphets. Noch ein Tastendruck und schon dröhnt die Musik durch das ganze Haus.
Ich bleibe noch einen Moment still vor der Anlage sitzen und lausche dem verhältnismäßig ruhigen Anfang. Leise singe ich mit, doch als endlich der Refrain erklang, reißt es mich mit. Wild hüpfend und laut grölend springe ich durchs Zimmer:

“Here by my side, in my summer, our last summer
The world passes by, in my summer our last summer
The light makes shadows fall, surrounded by each other
I let you watch it all,
The view from our last summer
The view from our last summer”

Ich liebe dieses Lied so abgöttisch! Darum ist es ja auch auf Dauer-Repeat gestellt. Noch immer springe ich wie ein Flummi durch die Gegend. Meine „Tanzfläche“ hat sich nun auch auf den Rest des Hauses ausgebreitet – laut genug ist die Musik ja, dass man sie überall gut hört.
Nach der vierten Wiederholung geht mir die Puste aus. Scheiß Raucherlunge! Kaum habe ich das gedacht, überfällt mich das Verlangen nach einem neuen Nikotinschub. Nach der wilden Zappelei –nein, es ist eher eine Huldigung an meine Freiheit im Haus– habe ich das auch dringend nötig.

2. Kapitel
Während ich auf der Fensterbank sitze und wieder rauche, dröhnt noch immer die Musik durchs Haus. Ich kann von den Propheten einfach nicht genug bekommen. Mein Blick schweift durch die Umgebung. Alles ist so friedlich in dieser Wohngegend. ‚Wahrscheinlich werden sich die Nachbarn über kurz oder lang eh über die laute Musik beschwerden’, geht es mir durch den Kopf. Widerstrebend begebe ich mich zu der Stereoanlage und mindere die Lautstärke.
Mit einem Mal ist mir nicht mehr nach fröhlicher Musik zumute und ich wechsele die CD. „Here without you“ passt nun genau zu meiner Stimmung.
Melancholie macht sich breit und meine Gedanken schweifen ab. Mit einem Mal muss ich raus hier. Ich packe meine Tasche und verlasse fluchtartig das Haus. Es dämmert bereits und die Straße ist kaum noch belebt. Zielstrebig gehe ich meinen Weg, ich weiß genau, wohin ich will.
Endlich sehe ich das Tor vor mir, was den Park von der Straße trennt.

Schnell durchlaufe ich die Grünanlagen, bis ich an „meiner“ Stelle ankomme. Ich macht es mir auf dem großen Stein bequem und beobachte den Mond, wie er über dem Wasser aufsteigt.
Langsam wird es leerer hier. Keine Menschenseele würde sich je in der Dunkelheit an diese Stelle verirren. Doch mir macht dieser Ort keine Angst, im Gegenteil: ich fühle mich wohl hier.
Der Nebel, der langsam aufsteigt, umfängt mich wie ein liebevoller Mantel. So geborgen wie in diesen Momenten, fühle ich mich selten. Warum soll ich also Angst haben?
Mir kommt spontan wieder ein Lied in den Sinn. Natürlich von Zeraphine. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, Sven singt nur über mich....

„Es ist einsam hier
Fernab der Zivilisation
Und so menschenleer
Als wär der Tag schon längst verloren“

Ich war schon immer anders gewesen. Habe andere Musik gehört, die sonst niemand in meinem Umfeld gut fand und wurde dafür gehänselt. Ich hatte andere Interessen als die Jugendlichen und wurde dafür ausgelacht. Meine Haare schimmern rot und mein Körper entwickelte sich schneller, als mir lieb ist, was für mich unangenehme Begegnungen mit Jungs mit sich brachte.

Dies und mehr ließ meine Unsicherheit über die Jahre immer weiter steigen. Ich war und bin noch immer verkrampft, wenn ich alleine die Straße lang gehe und hätte z.B. nie im Leben daran gedacht, einmal alleine ein Café zu betreten. Dauernd bilde ich mir ein, ich würde beobachtet. Ist es wirklich Einbildung und starrt man mich wirklich an? Ich weiß es nicht, habe den Sinn für meine Umgebung verloren.

Ohne es wirklich zu bemerken, kehrte ich immer mehr in mich und versank in einer Welt, die ich mir selbst erschuf.
In meiner Welt war alles einfacher und schöner. Jeder akzeptierte und mochte mich und ... es war einfach perfekt! Durch diese Welt habe ich meine Leidenschaft des Schreibens entdeckt und es ist für mich wie eine Therapie, all meine imaginären Erlebnisse aufzuschreiben. Ja, durch das Schreiben habe ich erst gemerkt, wie sehr ich mich doch von den anderen unterscheide! In meiner Kindheit und Jugend hat mir das nicht wirklich viel ausgemacht. Ich war gerne alleine und konnte mich auch gut beschäftigen. Doch nun? Mittlerweile fühle ich mich ausgeschlossen und einsam.

Jäh werde ich durch ein Fluchen aus meinen Gedanken gerissen. Ein unbehagliches Gefühl macht sich in mir breit. Wer schleicht denn im diese Zeit bitte noch hier herum? Ein Schauer durchfährt mich, als ich einen Schatten sehe, der sich auf das Wasser vor uns zu bewegt.

Automatisch beginnt meine Atmung flacher zu werden, ich will um keinen Preis entdeckt werden. Ohne Unterlass beobachte ich die Person. Sie ist ungefähr so groß wie ich (und das ist nicht wirklich groß) und die Haare stehen wüst vom Kopf ab. Eigentlich sieht das im Mondschein recht lustig aus und meine Angst verflüchtigt sich nach und nach.

Mein Gegenüber starrt aufs Meer und spielt gedankenverloren mit einem Gegenstand in seiner Hand. Ein Seufzen erklingt und durch die Person geht ein Ruck. Plötzlich glüht eine Flamme auf und im Schein des Feuerzeuges kann ich das Gesicht erahnen.

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Ich hörte ein Klicken und sah die Flamme genau vor meinem Gesicht. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Was wollte er von mir? Wollte er mich wirklich verletzen? Mit verstörtem Blick sah ich ihn an. Sein Blick war starr auf mich gerichtet und so volle Kälte. Er zündete sich seine Zigarette an und zog einmal daran. Dann drehte er sie in seiner Hand und stützte sich mit ebenfalls beiden Händen auf dem Baumstumpf auf, den wir als Bank missbrauchten. Plötzlich durchfuhr mich ein Schmerz in der Hand. Erschrocken zog ich sie an mich und sah sofort den Brandfleck auf meinem Handrücken. Er hatte seine Zigarette auf mir ausgedrückt.

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Mir wird schlecht, die Erinnerung holt mich ein. Ruckartig springe ich auf und renne los. Ob die Person am Rande des Felsens mich nun entdeckt, ist mir gleichgültig. Ich will einfach nur noch weg. Fluchtartig verlasse ich den Park, ohne die Blicke zu bemerken, die mir folgen.
Die Person hat mich natürlich bemerkt und starrt mir hinterher.

3. Kapitel
Der nächste Tag beginnt für mich erst am frühen Mittag. Ich habe mich die restliche Nacht vor den Fernseher gesetzt und sämtliche Filme geschaut, die mir in die Hände fallen. Natürlich durfte dann auch „The Crow“ nicht fehlen, den ich mir direkt zwei Mal anschaute. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass dies nun mal mein absoluter Lieblingsfilm ist! Ich weiß gar nicht mehr, wann mir denn nun die Augen zugefallen sind, doch mir tut alles weh, als ich auf dem Sofa erwache.
Mühselig rappele ich mich auf und schleppe mich in die Küche. ‚Jetzt erst mal einen schönen Himbeertee‘ geht es mir durch den Kopf. Gesagt – getan!
Wenige Minuten später sitze ich gemütlich auf dem Balkon, trinke meinen mit viel Zucker versetzten Tee und genieße die erste Zigarette des Tages.
Die Sonne strahlt wie am Vortag und ich schließe die Augen, um mich einen Moment sonnen zu können. Die Wärme und Helligkeit tun meiner Seele gut und die Erinnerungen von gestern verblassen allmählich.
‚Warum sollte man sich so einen schönen Tag durch alte Kamellen versauen?‘ kommt es mir in den Sinn. Das wunderbare Wetter und die sturmfreie Bude müssen genutzt werden. Doch irgendetwas fehlt! Kurz horche ich auf – und höre nichts. Musik! Genau das brauche ich jetzt. Schöne laute und schnelle Musik zum Mitgrölen.
Bei dem Gedanken an meine „Party“ gestern muss ich schmunzeln. Warum eigentlich nicht? Mich kann ja auch schließlich niemand davon abhalten.
Beschwingt springe ich die Treppe hinauf, nehme immer zwei Stufen. In meinem Zimmer angekommen, ist die passende CD schnell gefunden: Slipknot. Zu „Duality“ kann ich nun wirklich total abgehen! Genau das Richtige, um die Nachbarn zu verschrecken und dabei auch noch so richtig Spaß zu haben.

„I push my finger into my eyes ....“

Laut, sehr laut dröhnt die Musik durch das Haus und ich bin völlig aus dem Häuschen. Genau SO habe ich mir die Zeit ohne meine Familie vorgestellt. Warum kann es nicht immer so schön sein?!

Das Klingeln des Telefons holt mich wieder in die Wirklichkeit. Hastig stelle ich die Musik aus, das war bestimmt der Kontrollanruf meiner Eltern oder die Nachbarn beschwerten sich. Sollte letzteres eintreffen, wäre ich ganz schön erstaunt, denn sonst waren sie eigentlich schneller.
„Hallo?“
Verdammt, warum hört sich meine Stimme gerade so an, als ob ich was verbotenes getan habe?!
„Anna?“
Hm, also doch meine Eltern.
„Hallo Mam.“
„Anna, was hast du gerade gemacht? Ich versuche schon zum dritten Mal, dich zu erreichen. Hoffentlich beschweren sich die Nachbarn nicht, wenn wir wieder da sind.“
War ja klar, die denken mal wieder nur an ihren guten Ruf!
„Ich war oben und habe Musik gehört.“
Ich will nicht kleinlaut klingen, doch irgendwie habe ich meine Stimme nicht mehr unter Kontrolle.
„Denk daran, dass Frau Blohm nebenan deine Musik nicht vertragen kann...“ – Bla bla bla... Ich verdrehe die Augen.
„... und lass uns keine Klagen über dich hören. Eigentlich wollte ich ja auch nur kurz Bescheid sagen, dass es hier wirklich schön ist und Tante Klara und Onkel Markus dich grüßen lassen. Ich muss jetzt Schluss machen.“
Tuut tuut tuut....
Die Leitung wird unterbrochen und meine Ma stürmt jetzt wahrscheinlich mit Begeisterung Richtung Schweinestall. Mich schüttelt es bei dem Gedanken daran. Ferien mit der ganzen Familie auf dem Bauernhof meiner Verwandten – olé, da kann ich mich wirklich was schöneres vorstellen. Und überhaupt, wie alt bin ich eigentlich, dass ich noch kontrolliert werden muss?!
Ach ja, genau. Ich bin ja schließlich „erst“ 20 und da kann man nicht mal alleine zu Hause bleiben. ‚Pf‘, mehr fällt mir dazu nicht ein. Jetzt bin ich wütend und muss mich erst recht mit lauter Musik abreagieren. Sollen sich die blöden Nachbarn doch beschweren...
Ich setze mich wieder auf den Balkon und zünde mir die nächste Zigarette an.

4. Kapitel
Ich muss wohl wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufschlage, wird es bereits dunkel und mich empfängt eine nicht häufig vorkommende Stille. Ach ja, die CD ist wohl zu Ende gelaufen. Ich strecke mich und sehe mich um. Vereinzelte Sterne blinken am Firmament mit den Lichtern der Stadt um die Wette.
‚Mensch Anna, jetzt wirste auch noch sentimental‘ schimpfe ich, als mir die Romantik dieses Gedankens bewusst wird. Ich reiße mich von dem Anblick los und gehe zurück ins Haus.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass wir schon fast 22.00 Uhr haben. Eigentlich ist das doch genau die richtige Zeit, um sich noch schnell was zu trinken zu holen und dann ganz gemütlich den Tag am Felsen ausklingen zu lassen. Durch den ganzen Tag schlafen und rumgammeln ist mir nicht wirklich nach Highlife. Also schnell die Jacke übergeworfen und noch einen kurzen Blick ins Portemonnaie, Rucksack auf den Rücken, nun kann es losgehen. Zögernd trete ich auf die Straße. Es ist angenehm warm und die Steine strahlen noch die Hitze des Tages ab. Ich bin froh, dass es schon dunkel ist, denn so kann man mich mit meinem schwarzen Klamotten nur schwer erkennen. Schon wieder diese verdammte Unsicherheit!
Vereinzelt kommen mir Pärchen entgegen, die den Weg Richtung Strand einschlagen. Die meisten von ihnen kann ich wohl gleich von meinem Felsen aus beobachten. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich ein klein bisschen neidisch bin. Energisch schüttele ich den Kopf. ‚Anna, du brauchst niemanden, um glücklich zu sein!‘. Doch mich lässt der Gedanke nicht in Ruhe. In der letzten Zeit habe ich mich immer häufiger dabei erwischt, wie ich Pärchen beobachte oder mich in deren Lage wünsche. Aber will ich das wirklich? Eine Beziehung, jemanden an meiner Seite? Früher habe ich Beziehungen immer mit Geborgenheit und Glück verbunden, doch heute ist das anders. Ich habe Angst, Angst vor Kränkungen, Angst vor Verletzungen und Angst davor, anderen zu vertrauen. Ich kenne mich selbst nicht wieder, dass ich immer öfter darüber nachdenke, ob ich mich mit dieser Einstellung nicht schon lange selbst verletze!
Ohne es bemerkt zu haben, bin ich schon an meinem Ziel angekommen. Der genervte Blick der Vierkäuferinnen, als ich durch die Tür trete, lässt mich kurz stocken. Oh je, kurz vor Feierabend! Ich muss mich also beeilen. Rasch durch die Regale, ich weiß ja schon längst, was ich haben will. Ebenso schnell, wie ich nach der Flasche greife, stehe ich auch schon wieder an der Kasse.
„19,99“ knurrt die Kassiererin mir entgegen. Hastig ziehe ich den Schein aus meinem Geldbeutel und reiche ihn ihr. Sie nimmt das Geld und knallt mir den Wechsel-Cent auf das Laufband. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verlässt sie dann die Kasse und geht zu ihren Kolleginnen.
Ich verstaue meine Flasche im Rucksack, drehe mich an der Tür jedoch noch mal um. Das kann ich mir jetzt, im sicheren Abstand, nicht verkneifen: „Schönen Abend noch!“ rufe ich in den Laden, bevor ich pfeifend mit einer persönlichen Genugtuung weiter gehe. Ich bin ein wenig verwundert. Normalerweise hätte ich mich das nicht getraut, doch jetzt fühle ich mich gut dabei!

5. Kapitel
Wieder sitze ich auf meinem Felsen und starre in die Dunkelheit. Es ist so friedlich hier und ich kann meine Gedanken einfach schweifen lassen. Meine Hand tastet in meiner Tasche nach den Kippen und dem Feuerzeug. Ich rauche einfach für mein Leben gerne und hab schon sämtliche Versuche, damit aufzuhören, mit Begeisterung wieder beendet.
Gerade nehme ich den ersten Zug und greife mit der anderen Hand nach meiner Flasche von eben, als ich Schritte höre. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Nicht mal hier habe ich noch meine Ruhe? Hätte ich vielleicht doch zu Hause bleiben sollen? Obwohl ... ich bin neugierig, ob das der seltsame Vogel von gestern ist. Gespannt schaue ich in die Richtung, aus der die Schritte kommen. Langsam kann ich in der Dunkelheit eine Gestalt erkennen... und noch eine kleine Gestalt. Es ist nur ein alter Mann, der seinen Hund Gassi führt. So was habe ich schon ewig nicht mehr erlebt, dass hier jemand seinen Abendspaziergang macht. Schon bald scheint das Geschäft erledigt zu sein und die Umrisse des Mannes werden von der Schwärze der Nacht verschluckt.
Entgültig hebe ich meine Flasche an und drehe den Deckel ab. Der erste Schluck ist immer widerlich, doch dann schmeckt es wieder. Na ja, vielleicht bin ich den Geschmack von Wodka auch nur zu sehr gewöhnt...

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Der Alkohol floss in Strömen. Eigentlich war der ganze Abend bisher sehr lustig gewesen, doch irgendwann kippte die Stimmung- zumindest bei mir! Meine bessere Hälfte kippte ein Glas nach dem nächsten in sich hinein und ich verwandelte mich wohl langsam in Luft. Obwohl Luft sein in dieser Situation sicherlich angenehm gewesen wäre. Ich fühlte mich wie ein lästiges Anhängsel, wollte gehen, doch irgendetwas hielt mich zurück. Außer mir schien niemand diese schlimme Situation zu merken.
Nach und nach löste sich unsere Runde auf und bald saßen wir nur noch zu dritt am Tisch. Und wieder fühlte ich mich ausgestoßen, denn mein Freund Jonas hatte nur noch Interesse an mehr Alkohol und zweideutigen Kommentaren. Aus Verzweiflung trank ich mit. Doch jedes weitere Glas schien diesen Abend zu verschlimmern. Warum ging ich nicht einfach? Konnte es denn schlimmer sein als hier zu bleiben und sich weiter mit anzusehen, wie Jonas und sein Freund „Chicken“ die Frauen angafften? Vielleicht sah ich das auch alles einfach nur zu eng und es würde besser werden, wenn ich mir nicht mehr so viele Gedanken darüber machte. Plötzlich spürte ich einen Ellebogen in meiner Seite. „Anna, die da drüben würde ich gerne mal poppen“ lallte Jonas mir ins Ohr und griff nach dem Blumentopf, den er für sein Bierglas hielt.

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Ich spüre den Stich in meinem Herzen noch wie damals. Damals... so lang ist das auch noch nicht her. Etwas mehr als ein Jahr erst und noch immer quält mich jeder Gedanke an diesen Abend. Gefrustet nehme ich einen großen Schluck aus der Flasche.
„Willst du das etwa alles alleine trinken?“

6. Kapitel
Ich zucke erschrocken zusammen und rutsche dabei fast vom Felsen, natürlich sehr darauf bedacht, meinen Wodka nicht zu verschütten.
Entgeistert sehe ich der Hand entgegen, die mir aufhelfen will. Der Typ von gestern – ich wußte es! „Was fällt dir ein, mich so zu erschrecken,“ fahre ich ihn an, als ich wieder in meiner alten Sitzposition bin. Er zuckt bedröppelt mit den Schultern. Sofort tut mir mein Ausbruch leid. „Sorry,“ murmle ich und halte ihm meine Flasche hin. Er nimmt sie entgegen und trinkt einen großen Schluck. „Das ist also deine Art von Friedenspfeife,“ schmunzelt er, „sehr lecker!“
„Wie kannst du mich auch so erschrecken?!“
„Das geht ganz einfach. Man öffnet einfach seinen Mund und....“
„Ach verdammt, veräppelt kann ich mich auch selbst,“ unterbreche ich ihn. Nun muss ich doch schmunzeln. Humor scheint der Freak ja zu haben...
Mit einem Zwinkern gibt er mir die Flasche zurück. Schweigen tritt ein. Ich trinke weiter meinen Wodka und wie von selbst nestelt meine Hand in der Tasche nach den Zigaretten. Alkohol und Kippen gehören einfach zusammen. Wo verflixt, ist nur mein Feuerzeug? Diese Frage erübrigt sich, weil mein Gegenüber mir gentlemanlike Feuer gibt. Ich nehme einen kräftigen Zuck und atme genüßlich aus.
„Ist immer wieder entspannend nee?“
„Willst mir wohl ein Gespräch aufzwingen?“ Auch nicht wieder die freundlichste Antwort, aber was soll ich machen? Wie er so mir gegenüber steht und mich angrinst, provoziert er das doch oder? Halt! Er ist nicht mehr mein Gegenüber, sondern quasi mein Nachbar. Hat sich einfach neben mich auf den Stein gesetzt, der Schlingel. Na ja, auch gut, dann rutsche ich halt noch ein Stückchen.
„Wie heißt du eigentlich?“ Was für eine blöde Frage, aber ich bin halt neugierig.
„Jetzt willst du mir wohl ein Gespräch aufdrücken, was?“ Verdammt, jetzt wird er auch noch frech. Dazu habe ich jetzt keinen Bock. Ich nehme meinen Rucksack und mache Anstalten, aufzustehen.
Gerade will ich mich erheben, als ich eine warme Hand auf meinem Arm spüre. Woher kommt jetzt bitte diese Gänsehaut auf meinem Körper? Leicht verwirrt schaue ich den Freak an.
„Ich will dich nicht vergraulen. Aki....“
Verständnislos sehe ich ihn an. „Hä?“
„Mein Name ist Aki,“ antwortet er.
„Aaaaaaaaaha“ ‚Na klasse, Anna, jetzt haste dich wunderbar blamiert.‘ Gott sei Dank ist es dunkel und man kann meine roten Ohren jetzt nicht erkennen.
Aki schaut mich weiter an.
„Was ist los?“ Ich versuche meine Unsicherheit zu verbergen.
„Na ja,“ schon wieder dieses schelmisch Grinsen, „eigentlich dachte ich, dass du mir jetzt auch deinen Namen verrätst.“
Mensch bin ich blöd, darauf hätte ich auch von alleine kommen können.
„Ich hab dich gestern abend schon hier gesehen. Warum bist du denn so fluchtartig abgehauen?“
Na toll, neugierig sind wir ja gar nicht oder? Mir ist die Frage unangenehm.
„Ach weißt du, mir ist nur was wichtiges eingefallen und ich musste schnell weg,“ weiche ich aus. Eigentlich weiß ich genau, dass Aki mir das jetzt nicht glaubt. Darum spreche ich schnell weiter.
„Und was ist mit dir? Warum warst du gestern hier? Du hast bedrückt ausgesehen...“ Och Mensch, nun habe ich mich geoutet, dass ich ihn beobachtet habe...
„Na ja,“ Aki druckst herum, „weißt du... ach, was solls... ich bin immer hier, wenn ich ne Kippe brauche...“
Ich glaub, der will mich verarschen...!
„... weiß doch keiner, dass ich rauche...“ Aki blickt beschämt zur Seite.
Ich kann nicht mehr! Ich kann einfach nicht mehr. Lauthals pruste ich los.
„Ist jetzt nicht dein Ernst oda?“ Ich halte mir den Bauch, das KANN er einfach nicht ernst meinen.
Doch als er nicht antwortet, weiß ich, er meint es wirklich so!
Ich versuch ja wirklich, mich zu beruhigen. Doch jedes Mal, wenn ich Aki anschaue, werde ich von einer neuen Attacke geschüttelt. So was lustiges habe ich schon lange nicht mehr gehört.
Langsam tut er mir echt leid, aber was soll ich machen? Ich kann doch auch nichts dafür.
„Ich finds gut, dass ich dich belustigen kann“, jetzt ist er aber wirklich böse. Ein letztes Glucksen von meiner Seite.
„Sorry Aggüüü“, ich kann noch immer nicht richtig sprechen. Sofort muss eine Kippe zur Beruhigung her. Ich schaue mich vorsichtig um, bevor ich Aki die Schachtel hinhalte. „Willst du auch eine? Ist gerade niemand da.“ Schon wieder muss ich grinsen.
Aki findet das alles andere als witzig. Er steht auf. „Das – ist – nicht – lustig!“
Ich versuche, ernst zu bleiben. „Doch Aki, das ist es.“

7. Kapitel
Von da an habe ich den Rest der Woche alleine auf meinem Felsen gesessen. Jeden verdammten Abend bin ich zum Park getigert, hab ins Nichts gestarrt und bin noch mal mehr zum Kettenraucher geworden. Bei jedem Geräusch bilde ich mir ein, Schritte zu hören.
Irgendwie bereue ich es, Aki so ausgelacht zu haben. Das hat das arme Kerlchen echt nicht verdient. Aber lustig war es trotzdem. Bei dem Gedanken an sein Geständnis muss ich grinsen.
Plötzlich spüre ich, dass ich beobachtet werde. Ich wende meinen Kopf.
„Aki?“ Ungläubig sehe ich ihn an.
„Hi“, verunsichert kommt er einen Schritt näher. Ich rutsche ein Stück, so dass er sich setzen kann. Irgendwie bin ich nun verunsichert. Wie oft bin ich in Gedanken ein Gespräch mit ihm durchgegangen und nun ist er wirklich hier und mir fällt nichts ein. Ich habe Angst, ihn wieder zu verletzen und dass er dann nie wieder herkommt.
„Ich...“ Erstaunt schaue ich ihn an. Wir wollten beide gleichzeitig mit dem Satz beginnen. Aki lächelt kurz. „Fang du an.“
Jetzt fühle ich mich wieder unsicher, doch ich muss es einfach loswerden.
„Aki, es tut mir leid, dass ich dich so ausgelacht habe. Ich wollte dich nicht verletzen und hab mir echt Vorwürfe gemacht, als du einfach gegangen bist.“ Beschämt schaue ich zu Boden und beobachte konzentriert die Steine zu meinen Füßen. Wie automatisch greife ich zu meiner Tasche und ziehe die Zigaretten hervor.
Wieder kann ich es mir nicht verkneifen und halte Aki wortlos die Schachtel hin. Ich kann förmlich merken, dass er gerade lächelt. Dann greift er zu. „Eine Hand wäscht die andere,“ sagt er lächelnd, als er mir Feuer gibt.
Schweigend sitzen wir nebeneinander und rauchen einfach nur. Ich genieße seine Anwesenheit, doch ich würde zu gerne wissen, warum er wieder aufgetaucht ist.
„Aki, was machst du eigentlich hier? Ich mein, warum bist du zurück gekommen?“
Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl, habe Angst, ihn durch jedes Wort wieder zu vertrieben. Aki nimmt geistesabwesend noch einen Zug seiner Zigarette, dann dreht er seinen Kopf in meine Richtung.
„Naja ... sagen wir mal so... Herzlichen Glückwunsch, du bist meine neue Freundin!“
Verdutzt verschlucke ich mich am Rauch meiner Zigarette. Ich ringe nach Luft, als ich panisch mit meiner Hand Richtung Rücken deute.
Sein verdutzter Gesichtsausdruck zeigt mir, dass er keine Ahnung hat, was er machen soll. Immer heftiger gestikuliere ich. Endlich versteht Aki und klopft mir den Rücken. Als ich endlich wieder atmen kann, starre ich ihn entgeistert an. „WAS?“
„Nun,“ wie bei seinem ersten Geständnis druckst er herum, „ du bist mein Alibi.“
Mein unwissender Blick lässt ihn weiter sprechen.
„ ... Irgendwie muss ich den anderen doch erklären, warum ich abends meistens alleine unterwegs bin. Ich kann denen doch nicht sagen: „Hey Jungs, ich geh jetzt eine rauchen!“
Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Und warum nicht? Du bist doch schließlich alt genug – davon gehe ich zumindest mal aus.“
Aki starrt weiter auf seine Füße. Ich beuge mich ebenfalls einmal kurz herunter, um zu sehen, was es denn vor dem Felsen so interessantes zu sehen gibt. Als ich nichts entdecke, richte ich mich wieder auf. „Was guckst du dir da an?“
Aki wendet seinen Blick wieder auf mich. „Häh?“
„Nun, irgendwas Spannendes muss sich ja dort vor deinen Füßen abspielen und ich will das auch sehen.“
Aki versteht endlich und lacht kurz auf. „Ich denke nach, wie ich dich morgen auf die Party bringen kann.“
„Moooooment, welche Party und warum soll ich da unbedingt mit hin?“
„Die Jungs wollen jetzt endlich mal meine Flamme kennen lernen und ich dachte da sofort an dich.“
Ich schüttle energisch den Kopf. „No fucking way!”
“Warum denn nicht? Ach komm, Anna. Bitte tu mir den Gefallen!“ Aki fängt an zu betteln – wie niedlich! Ich studiere sein flehendes Gesicht und mein Blick bleibt an seiner Nase hängen. Irgendwie süß, der Zinken. Ich merke, wie sich schon wieder ein Grinsen in meinem Gesicht breit macht. Aber seine roten Haare sind schon toll. Eigentlich hat er was...!
„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“ Jetzt schaut er mich ein wenig sauer an. „Ja klar doch, ich habe jedes Wort mitbekommen.“
„Gut, dann brauch ich jetzt nur noch deine Adresse.“
„Am Friedhof 66.“ Jetzt bin ich überrumpelt.
„Hast du da nicht eine 6 vergessen?“ Er schaut mich belustigt an. „Aber egal, ich hol dich dann morgen gegen 20.00 Uhr ab.“

8. Kapitel:
‚Aber ich bin die Polizei und ich sage „Stehenbleiben“ oder du bist gleich tot...’
Mühsam richte ich mich auf. Laufen ist mit diesem verdammt langen Rock echt richtig schwer.
‚... ich sage, ich bin schon tot und gehe einfach weiter...’
Endlich habe ich den Kühlschrank und somit auch das gewünschte Bier erreicht. Mit einem Ruck öffne ich die Flasche.
‚... der Kerl taucht hier auf wie Belzebub aus der Hölle und du lässt ihn auch noch laufen...’
Ich bin so gut! Nicht umsonst habe ich den Film tausend Mal gesehen, da kann man schon erwarten, die Texte mitsprechen zu können.
Auf dem Weg zurück zum Sofa drehe ich mich um meine eigene Achse. Ich sehe heute einfach zu gut aus in meinem bodenlangen Satin-Rock und dem Samtoberteil – beides natürlich schwarz.
Gerade will ich mich wieder setzen, als es klingelt.
Ein genervtes Seufzen bahnt sich seinen Weg an die Luft. Ich greife nach meinem Haustürschlüssel und gehe zum Fenster.
„Hier, der dritte Schlüssel von links.“ Ehe Aki reagieren kann, habe ich ihm schon den Schlüssel entgegen geschmissen und schmachte meinen Fernseher von der Couch aus weiter an.
„... du bist ruhelos... ich wünsche, ich hätte mal wieder etwas Hunger...“
„Och nö, nicht du auch noch...“ Ich schrecke zusammen.
„Hätte nicht gedacht, dass du es mit deiner Raucherlunge so schnell in den vierten Stock schaffst. Was heißt hier überhaupt, ‚du auch noch’?“
Aki entfährt ein Seufzer. „Lauri findet den Film auch so toll und zitiert ihn bei jeder Gelegenheit.“
Ich sehe ihn verwundert an. „Wer ist denn diese Lauri?“
Ein kurzes Stocken ist in Akis Atmung zu erkennen, dann bricht er in schallendes Gelächter aus. Er kann sich kaum noch halten und brüllt einfach los.
Einen Moment sehe ich mir dieses Schauspiel an, dann frage ich mit hochgezogener Augenbraue: „Was ist denn bitte so lustig?“
Aki ringt nach Luft, so wie ich damals nach seinem Geständnis. „Lauri...“ er jappst wieder, „Lauri ist der Sänger in unserer Band.“
Ich schaue ihn zweifelt an... dann rattert es in meinem Kopf. „Lauri... und du heißt Aki... und ihr seid ne Band.... sag mal, bei den Namen macht ihr bestimmt Girlierock, oder?“
Aki hält im Lachen inne. „Rock schon, aber wie kommst du bitte auf Girlierock?“
„Naja, bei euren niedlichen Namen liegt diese Vermutung schon nahe,“ versuche ich zu erklären.
„Jetzt wirst du aber gemein,“ Aki zieht einen Schmollmund. Ich lege einen Arm um seine Schultern. „Ach Akilein, schau doch nicht so traurig. Das wird schon wieder...“
Aki streckt mir die Zunge raus. „Nun aber los, damit du die anderen Girlies auch noch kennen lernst,“ sagt er mit einem Zwinkern. Schnell schnappe ich mir meine Tasche und es kann losgehen.
Vor der Tür stockt mir der Atem, als Aki vor einem roten Porsche stehen bleibt. „DAS ist dein Auto?“ frage ich entsetzt.
Akis Brust schwillt vor Stolz an. „Ja.“ Nun grinst er einmal rund ums Gesicht.
„Und damit wollen wir zur Party fahren?“ Ich habe ja noch immer die Hoffnung, dass das alles ein Scherz ist.
Akis Grinsen verschwindet. „Natürlich wollen wir das. Was hast du denn gegen mein Schmuckstück?“
„Schmuckstück?! Neeee, sorry. Aber mit so einer Zuhälterkarre fahre ich nirgendwo hin.“ Ich drehe mich um. „Wir nehmen mein Auto.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, gehe ich zu meinem Auto und zücke den Schlüssel. „Wo bleibst du denn?!“
Aki steht noch immer an seinem Auto und ist sichtlich beleidigt. „Zuhälterkarre? Das ist ja nun wirklich gemein von dir! Hast du eigentlich eine Ahnung, wie lange ich darauf gewartet habe, so ein Ding zu besitzen?“
„Ding, genau das ist die richtige Bezeichnung für dein Auto. Ach Mensch, nun hab dich doch nicht so. Irgendwann werde ich mal in diese Höllenkiste steigen, aber nicht heute! Also hoppi hoppi.“ Ich steige ein. Wenig später sitzt auch Aki neben mir und wir können losfahren.
Die Party findet in der Wohnung von Lauri statt. Bevor wir aussteigen, erinnert mich Aki noch mal an meine heutige Aufgabe. „Denk bitte daran, dass du meine Freundin bist, okay?“ Er ist sichtlich nervös. Genervt verdrehe ich die Augen. „Mensch Aki, das hast du mir in den letzten zehn Minuten bestimmt schon tausend Mal gesagt. Ich weiß langsam, was ich zu tun habe...“

9. Kapitel:
Mir ist ein wenig unwohl hier in dieser kleinen Wohnung voller fremder Menschen. Aber wenigstens wird Aki seiner Rolle als Freund vollkommen gerecht und weicht mir nicht von der Seite. Sein Blick schweift suchend über die Menge, dann scheint er etwas entdeckt zu haben. Mit einem Ruck werde ich mitgerissen. „HEY!“ Keine Reaktion, toller „Freund“! Aber warme Hände hat er ja. Ich versuche die Orientierung zu behalten. Ah ja, rechts ist die Bar... und da steht ein Wodka-Glas. Falsch, nun ist es MEINS!
Abrupt bleibt Aki stehen und mein Glas war mal gefüllt. Der schöne Wodka ergießt sich über sein hässliches Hemd, doch er bemerkt es nicht. Wie kann er das gute Zeug nur ignorieren?
„Lauri!“ Aki umarmt einen Zwerg, der lässig an der Wand lehnt. Ich begutachte den Wicht mit einer hochgezogenen Oberlippe. DAS soll der Frontmann der Band sein? Geht ja gar nicht... Wie kann man nur eine hellblaue Jeans tragen? Von dem Unterhemd ganz abgesehen. Der Gipfel nach dem gezacktem Kopf ist aber wirklich die Brille. „Der sieht ja aus wie Puk, die Scheißhausfliege,“ entfährt es mir. Gott sei Dank dröhnt die Musik so laut, dass es niemand hören kann.
Plötzlich wedelt mir eine kleine Hand vor meinem Gesicht hin und her. Wenn ich jetzt da reinbeißen würde, würden wahrscheinlich die Knochen splittern. Ich erwache aus meiner Trance und schaue meinen Gegenüber an.
„Hallo, ist da jemand?“ – Blödmann! Der sollte bei dem Aussehen gewöhnt sein, dass die Leute im Schock erstarren.
Aki ergreift die Initiative und zerschneidet nun die nicht vorhandene Stille. „Lauri, das ist Anna, meine FREUNDIN!“ Bei der Betonung dieses Wortes schaut er mich einmal durchdringend an.
Wie auf Kommando schiebe ich meine Hand in die rechte Hosentasche seiner Baggy. Fühlt sich nicht schlecht an!
Man kann förmlich merken, wie Aki einen Moment erstarrt. Doch er fängt sich schnell wieder und legt seinen Arm um meine Hüfte.
Lauri ignoriert mich dezent. „Wenn du ja jetzt endlich da bist, sind wir ja komplett. EEROOO! PAULIII! AKI IST DA!“
Sofort stürmen zwei weitere Gestalten auf uns zu. Unbewusst weiche ich einen Schritt zurück aus Angst, dass gleich Vogelgezwitscher aus dem Haarnest des einen erklingt.
Der Vogelmensch reicht mir die Hand. „Hey, ich bin Pauli. Und offensichtlich bist du Akis Püppchen.“
Ich greife nach der schokoverklebten Hand, während er mit den ersten normal aussehenden Menschen hier vorstellt. „... und das ist Eero.“ Ich reiche dem vierten Mausgetier ebenfalls die Hand, während Pauli sich die nächste Ladung M&Ms verpasst.
Ich kämpfe mit mir, doch meine Zunge ist stärker... „Du Pauli, für das ‚Püppchen’ erwarte ich ne Hand voll M&Ms... oder gib mir wenigstens nen Eero, damit ich mir selbst welche kaufen kann.“ Ich breche in schallendes Gelächter aus. Auch Pauli kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, während Aki mir entsetzt ein neues Glas Wodka in die Hand drückt. Ein Blick in die Runde sagt mir, dass Eero geistig nicht wirklich anwesend ist.
Mit einem Male verändert sich Lauris Blick und er starrt an mir vorbei. Ein Grinsen umrundet seinen Kopf und ich komme nicht umhin, nach zuschauen, was er erspäht hat.
Es bahnt sich ein Mädchen ihren Weg zu uns. Ihre schwarzen Haare sind hochgesteckt, ihre blauen Augen könnten eigentlich ganz schön sein, wenn sie nicht so zugekleistert wären. Wer trägt bitte blauen Lidschatten? Als sie aus der Menge tritt, kann ich auch ihre Kleidung begutachten. „Oh mein Gott, ne Pimmelpuppe,“ entfährt es mir. Aki grinst mich belustigt an, während Lauri mir einen giftigen Blick zuwirft. „Das ist meine Freundin – Kyllikki!“ Er drückt ihr einen Kuss auf den viel zu rot geschminkten Mund. Als er auch noch seine Zunge in ihren Hals steckt, kann ich nicht mehr. „Angewidert stand der Teufel da und sah wie grässlich Güte er ist und sah die Keuschheit in ihrer Gestalt. Wie schön ist dagegen doch Pronographie!“
Ruckartig löst sich Lauri von Kyllikki und stiert mich an. „Jemand wie DU kennt „The Crow?“
„Machst du Witze? Ich kann jeden einzelnen Satz. Wenns noch ginge, würde ich mit Brandon Lee schlafen!“
Akis Augen weiten sich, dann habe ich schon wieder ein Glas Wodka in der Hand.
Kurz beobachtet Lauri mich. Dann geht er einen Schritt auf mich zu. „Komm mal mit, ich hab genau das Richtige für dich.“
Ich will ihm folgen, drehe mich dann doch noch einmal um. „Aki-Schatz, hast du noch ne Kippe für mich?“ Als ich in seine geweiteten Auge schaue, fällt mir mein Fehler auf. „Schau doch nicht so. In meinem Rock sind doch keine Taschen. Erinnerst du dich, dass ich dir meine Kippen gegeben habe?“ Ich bin einfach gut! Glücklich über die gerettete Situation reicht Aki mir meine Schachtel.
Ich schlängle mich mit Lauri unter Kyllikkis argwöhnischen Augen durch die Menge. Ein Griff in ein Regal und stolz präsentiert Lauri mir eine CD. Ich kneife kurz meine Augen zusammen. „Wow, du hast ja den Soundtrack. Das war noch wahre Musik.“
Lauri nimmt die CD aus der Hülle. „Nummer?“ Einen Moment weiß ich nicht, was er meint. „Drei,“ endlich ist mir der Groschen gefallen.
Als die Stone Temple Pilots durch die Wohnung schallen, bin ich mir sicher, dass die Party doch noch ganz gut wird.

10. Kapitel:
„Komm Anna, du hast nun wirklich genug. Lass uns fahren.“ Irre ich mich oder ist Akis Hand auf meinem Hintern? Können aber auch Wahnvorstellungen sein, der Wodka hatte es in sich.
Ich versuche mich aufzurichten, nicke Lauri noch einmal kurz zu und falle dann in Akis Arme. „Na dann los, Agüüü-Schatz, gib mir meinen Schlüssel, ich fahr dich auch nach Hause.“
Ich glaub, so schnell hat sich Lauri den ganzen Abend noch nicht bewegt, wie sein Kopfschnucken in dem Moment. Ein entsetztes Kopfschütteln von ihm und Aki verweigert mir meinen Schlüssel.
„Ich fahre, Schätzchen.“ Mit diesen Worten greift er mir unter die Arme und zieht mich aus der Wohnung.
Kaum habe ich den ersten Zug frischer Luft genossen, kommt das kleine Männchen mit dem großen Hammer. Verdammt, ich bin ja voll wie tausend Eimer!
Aki öffnet die Beifahrertür und lässt mich einsteigen. Naja, sagen wir mal so: alleine schaffe ich das nicht mehr. Als ich dann aber doch endlich sitze, krabbelt Aki über mich drüber, um mich anzuschnallen. Hat er schon den ganzen Abend so gut gerochen? Ich versuche mich zu erinnern...
Kaum habe ich den Gedanken beenden, bin aber zu keiner Entscheidung gekommen, sitzt er auch schon neben mir und startet das Auto. Voller Anstrengung versuche ich den CD-Player anzuschalten. Auf der Landstraße angekommen glückt es mir endlich – habe ich schon erwähnt, dass diese 15 km von Lauris Haus entfernt ist?
Ich fingere weiter an den Tasten herum und versuche verzweifelt, die Tasten zu treffen. Bilde ich mir das ein oder springen die immer zur Seite, wenn sich mein Finger ihnen nähert?
Aki schiebt meine Hand beiseite. „Lass mich das machen, welches Lied willst du?“
Ich hebe meine Hand und strecke ihm alle fünf Finger entgegen. „Nummer 4!“ Keine Sekunde später dröhnt schon „Duality“ durchs Auto. Ich gröhle lauthals mit. Aki schaut mich erstaunt an. „Hey, du hast ja sogar nen guten Musikgeschmack!“
Ich runzle die Stirn und will ihn strafend ansehen – klappt aber nicht! Aki tippt leicht mit den Fingern im Takt am Rand des Lenkrades.
Gerade will ich so richtig aufdrehen, als Aki wider erwarten genauso abgeht wie ich wollte. Ein verschrecktes Quietschen entfährt mir, als er drummer-like auf das Lenkrad eindrischt. Ich deute mit einem Finger auf ihn. „Aki, du, pass aber lieber auf... der Airb...“ – zu spät!
Der Airbag öffnet sich mit einem leisen Zischen und drückt sich in Akis Gesicht. Das wäre jetzt bestimmt ein toller Gipsabdruck!
Vor Schreck reißt Aki das Lenkrad herum und versucht so, dem Hindernis zu umgehen. Leider hat der Gute nicht bedacht, dass das Ding doch fest ist.
Mit einigem Poltern kommen wir von der Straße ab und bleiben letztendlich stehen. Ein Blick aus dem Fenster sagt mir, dass wir in einem Graben sind.
Aki kämpft heldenhaft mit dem Airbag, der sich nur langsam bändigen lässt. Letztlich lässt er resignierend den Kopf gegen den mit Luft gefüllten Sack sinken. Irgendwie süß, der Trottel! Moooment, süß? Ich schaue ihn mir noch einen Augenblick genauer an und nicke mir selbst zu.
Mühsam kämpfe ich mich aus dem Auto. Gar nicht so leicht bei der Seitenlage und dem Rock.... Zu guter Letzt habe ich es dann doch geschafft und halte mich an der Autotür fest. Entschlossen greife ich nach dem Hebel und kippe den Beifahrersitz nach vorne. Bestimmt deute ich auf die Rückbank:
„Du,“ ein Fingerwink zu ihm, „auf die Rückbank – POPPEN!“

11. Kapitel:
Schwindel, Brechzeit, Taumel, Karussell – ich glaube, ich lasse mir besser alles noch mal durch den Kopf gehen. Total verkatert richte ich mich auf und öffne die Autotür, um auszusteigen. Der erste Schritt auf dem Waldboden bereitet mir Schmerzen. Mühsam senke ich meinen Blick, um die Quelle des Übels ausfindig zu machen. Eine Brille, was zum Teufel macht eine Brille hier so alleine am Straßenrand? Naja, jetzt kann sie einem ja nichts mehr tun, weil sie unter meinem Fliegengewicht leider nachgegeben hat.
Ein Windzug lässt mich frösteln und ich schlinge die Arme um mich. Gestern hatte ich doch noch was langärmeliges an... Ich schaue an mir herunter. ‚Unknown drummer’. Wem gehört denn dieses T-Shirt? Mir auf jeden Fall nicht. Warum bin ich eigentlich barfuss?
Mit einem Male lässt sich die Wahrheit nicht mehr verdrängen, die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Den Kerl, der mich im Auto rumkriegt, muss ich mir genauer betrachten. Vorsichtig luge ich wieder ins Innere meines kleinen Gefährts. Aki?!
Ich muss kurz innehalten und versuche Bruchstücke der letzten Stunden zusammen zu setzen. Leider ohne großen Erfolg.
Vorsichtig krabble ich wieder ins Auto zurück und steche meinen Finger in sein Bein. „Aki, wach auf!“ Ein kurzes Grunzen von ihm deutet darauf hin, dass er noch tief und fest geschlafen hat. Gott sei Dank habe ich nichts davon mitbekommen, ob er schnarcht.
Ein weiterer Stich, diesmal in seine Seite und Aki blinzelt mich verschlafen an. „Guten Morgen, Anna,“ brummelt er und dreht sich wieder auf die andere Seite. Dann durchfährt ihn ein Ruck und er sitzt kerzengerade. „Oh mein Gott, ANNA!“
„Gut geraten, Schätzchen,“ ich werde so früh am morgen schon sarkastisch. „Hör zu Aki,“ ich lasse meinen Blick schweifen und endete dabei einen Fleck auf der Rückbank, meine Augen weiten sich, „die Fakten sprechen eindeutig für sich.“ Ich zeige auf den Flecken. „Jetzt stellt sich nur eine Frage. Musst du später Alimente zahlen oder nicht?“
Verlegen kratzt Aki sich am Kopf, scheint zu so einer frühen Stunde mit so einer Frage echt überfordert zu sein. Dann schaut er mich an. „Für wen hältst du mich? ICH war ja schließlich nicht betrunken. Ich denk an SOWAS!“ Erleichterung macht sich breit, sehr große Erleichterung. „Dann kommt mein Brechreiz doch nur vom Alk.“ Ich mache es mir neben ihm gemütlich, darauf bedacht, nicht auf dem Fleck zu sitzen. „By the way, ich mag das T-Shirt. Aber, was willst du damit ausdrücken?”
Aki schaut ungläubig. „Du weißt wirklich nicht, wer ich bin? Oder mit wem du gestern gesoffen hast?“
Ich überlege einen Moment. „Lass mich ehrlich sein: Nö!“
Aki schüttelt ungläubig den Kopf. „Dabei dachte ich, dass du von Musik Ahnung hast...“
„Hab ich auch,“ unterbreche ich ihn empört.
„... ja, schon klar. Und darum kennst du auch The Rasmus nicht?!“ Ich hasse seine Ironie.
„Pass auf,“ ein Blick auf seine Uhr, „ich muss eigentlich schon seit ner Stunde bei der Probe sein. Ich beweise dir jetzt, dass du uns kennst.“
Ich schüttle heftig meinen Kopf, das hätte ich jedoch besser gelassen. Ein gequältes Stöhnen kommt mir über die Lippen.
„Du siehst aber schon, wie schlecht es mir geht, oder? Meinst du ernsthaft, dass ich mich dann noch von .... ach, wie hieß er noch gleich? Ach ja, Lauri die Ohren voll jammern lasse?“
„Dann halt sie dir halt zu oder konzentrier dich einfach auf mich! Außerdem ist es an der Zeit, dass du als meine Freundin mal dabei bist. Kylliki ist auch immer da.“
„Die Pimmelpuppe? Du willst mich doch nicht mit der auf eine Ebene stellen, oder? Wieso ist Lauri eigentlich mit ihr zusammen, die ist doch hohl wie Schnittlauch.“
Wieder zeigt Aki sein unverkennbares Grinsen und ich könnte ihn zu Boden knutschen – doch mein Magen rebelliert gegen jede Anstrengung. „Naja, du kennst doch den Spruch ‚Dumm fickt gut’ oder? Sie hat es bei jedem von uns versucht, doch nur bei Lauri konnte sie landen.“
Ein lang gezogenes „Aaaaaaaaah jaaaa“ von meiner Seite beendet das Gespräch.
Aki zieht sein Hose über, sein Blick bleibt an mir haften. „Kann ich mein T-Shirt haben?“
Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Ich hab aber doch nichts drunter!“ Als Antwort bekomme ich ein schelmisches „Mir macht das nichts.“
„Ich geb dir dafür etwas anderes,“ erwidere ich und beuge mich aus dem Auto. Mit der flachen Hand reiche ich ihm seine Brille. „Ihr scheint es heute auch nicht so gut zu gehen!“

12. Kapitel:
„Hey, da seid ihr ja endlich,“ Eero scheint als einziger munter zu sein. Pauli knuddelt seine Gitarre, während Lauri auf Kyllikki weiterschläft. Ich mache einen Schritt auf ihn zu und brülle ein munteres „Guten Morgääään“ in sein Ohr. Erschrocken zuckt er hoch und schaut mich grummelig an. „Wie kannst du nach so einem Abend nur fit sein?“ staunt er.
„Tja, Aki hat mir den Alk ausgetrieben...“, ich schaue zu meinem vermeidlich Angebeteten, in der Hoffnung, dass das auch wirklich so war...Sein überlegenes Grinsen gibt mir Recht.
„Naja, dann wollen wir das mal so glauben...“
„Anna, wieso hast du eigentlich ein „Unknown drummer“ -T-Shirt an?“, Eero ist sichtlich verwirrt.
Aki wendet sich ihm zu, „Das hat Anna-Maus doch gerade erklärt...oder nicht?“
Ich lasse mich neben Kyllikki aufs Sofa fallen und gebe Aki einen Klaps auf den Hintern. „Also? Fangt ihr jetzt an, oder kann ich endlich schlafen?“
Ächzend schleppt sich Lauri zum Mikro, während Aki voller Elan hinter seinen Drums platzt.
„Ja, dann mal los !“ Die ersten Takte erklingen....
... und schon wieder erklingen die ersten Takte ... und schon wieder... Lauri trifft heute einfach keinen einzigen Ton richtig. Ich merke, wie mir die Augen zu fallen und ich langsam ins Land der Träume übergleite...
„Anna?!“, eine quakige Stimme entreißt mich meiner wunderbar ruhigen Welt. Ich mache mir nicht einmal die Mühe, die Augen zu öffnen, sondern gebe nur ein leises Brummen von mir, „Hmm?“
„Wie konnte jemand wie du Aki rumkriegen?“ Mit einem Male bin ich wieder wach und reiße die Augen auf. „Wie kommst du denn darauf?“, Kyllikki studiert mich abschätzend von oben bis unten, „So wie du aussiehst...“. ich widme ihr eine hochgezogene Augenbraue.
„Genauso könnte ich ihn fragen, wieso du es geschafft hast, ihn nicht zu kriegen!“, langsam gefällt mir die Rolle als Akis Freundin. Diese Diskussion scheint interessant zu werden.
Ich setzte mich im Schneidersitz aufs Sofa, wobei der Rock den Blick auf meine Beine freigibt.
Und wieder Kyllikkis abwertender Blick. „Was ist DAS?“, sie deutet auf die Innenseite meines linken Knöchels.
Ich zucke nur mit den Schultern „Eine Tätowierung, was sonst?“
„Und was bitte stellt das dar?“, langsam bestätigt sich meine Vermutung, dass sie eher ein Brötchen ist als ein Mensch... „Ein Heartagram, was sonst? Noch nie was von HIM gehört?“, ihr leerer Gesichtsausdruck lässt mich schlimmes erahnen.
„Hei!“, Aki lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich, „Ihr sollt nicht reden, sondern nur nett dasitzen, gut aussehen und zuhören!“
„Dann ist sie hier aber falsch!“, Kyllikki deutet mit dem Kopf auf mich.
Dazu fällt mir glatt nichts ein. „Halt bloß dein Maul, oder...“
„Oder was?“
„Ich geb dir gleich ‚oder was’?“
„Hei, hei, hei !“; geht Lauri dazwischen, „Machst du jetzt meine Freundin doof an?“
„Ich? Ich brauche Gegner...keine Opfer.“, unter dem beifallheischenden Blick der Jungs wende ich mich zum Gehen. An der Tür drehe ich mich noch mal um, werfe Aki einen Kussmund zu. „Call me...“, mit Zeige- und kleinem Finger deute ich ein Telefon an.

13. Kapitel
Ich schlage meine Augen auf und blinzle einer untergehenden Sonne entgegen. Wie spät ist es denn? Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass wir 18.17 Uhr haben und der Tag langsam wieder zu Ende geht. Nun müsste ich nur noch wissen, welcher Tag heute überhaupt ist... ich schau auf mein Handy. Aus, klasse, Akku leer. Seufzend erhebe ich mich und stöpsle das Ladegerät an. Ich trage noch immer Akis Shirt, der Rest meiner Kleidung liegt auf dem Boden verstreut. Gähnend strecke ich mich und mache mich auf den Weg ins Bad. Den Blick in den Spiegel erspare ich mir großzügig. Ich schaue auf die Badewanne und das bringt in mir den brennenden Wunsch nach einem schönen Schaumbad. Gesagt – getan. Keine fünf Minuten später liege ich bis zur Nasenspitze um Schaum und döse langsam wieder ein.
Ein schrilles Klingeln weckt mich unsanft und erschrocken fahre ich hoch. ‚Na klasse, nun kannst du auch noch den Boden wischen,’ verfluche ich mich selbst. Einen Moment überlege ich, ob ich wirklich aufstehen soll, doch das wiederholte Schellen zwingt mich quasi dazu.
Widerstrebend erhebe ich mich und schlinge eine Handtuch um mich. Wieder würdige ich den Spiegel keines Blickes und tapse die Stufen hinunter. Verdammt, nun wäre ich mit den nassen Füßen auch noch fast ausgerutscht!
Genervt öffne ich die Tür. „Du?“ War doch klar, dass der mich ausgerechnet in der unpassendsten Situation besucht, oder?
„Ich hab doch gesagt, du sollst mich anrufen!“ Mein Gott, bin ich heute wieder freundlich.
„Klar, ich kann dir deine Telefonnummer auch aus den Augen ablesen.“ Hui, mit so einer Antwort hätte ich nun nicht gerechnet. Beeindruckt trete ich einen Schritt zur Seite und lasse ihn eintreten.
„Bist du nur wegen der Nummer hier?“ Verzweifelt halte ich mein viel zu kleines Handtuch fest.
„Nicht nur. Morgen abend geben wir ein Konzert und danach findet eine Party statt...“
„Und du willst, dass ich mal wieder deine kleine Freundin spiele?“ Der Gedanke reizt mich nicht wirklich.
„Genau das. Und vielleicht möchtest du dir ja auch die Show ansehen.“
Ich schaue ihn an. „Das wage ich zu bezweifeln.“
„Komm schon, Anna. Die Probe hast du schon nicht richtig mitbekommen. Gib mir und der Band ne Chance.“
Genervt rolle ich mit den Augen. „Na wenn’s denn sein muss... Aber erwarte nicht, dass ich nett zu Kyllikki bin, wenn sie da auftaucht.“
Aki grinst. „Wir hatten einen Heidenspaß, dass ihr endlich mal jemand was gesagt hat.“
Schon wieder das schrille Klingeln der Haustüre. Da wir noch nicht weiter als zum Flur des Hauses gekommen sind, brauche ich nur den Arm ausstrecken und habe den Griff der Tür in der Hand.
„Anna, meinst du nicht, du müsstest...“ Meine Freundin Ines, auch der Wasserfall genannt. „Oh, du hast Besuch.“ Sie wirft Aki ein Lächeln zu und wendet sich dann wieder an mich. „Willst du uns nicht vorstellen?“
Gerade würde ich sie lieber strangulieren, aber was solls... „Aki, das ist Ines. Ines, Aki.“
Die beiden schütteln sich die Hände, während Ines vermeintlich verführerisch mit den Augen klimpert.
Aki wendet sich mir zu. „Anna-Maus, ich bin mal wieder weg. Es bleibt also bei morgen? Dann hole ich dich gegen 17.00 Uhr an.“ Mir bleibt nichts anderes übrig, als stumm zu nicken. Er drückt mir einen Kuss auf die Wange, nickt Ines kurz zu und ist schon verschwunden. Er kann mich doch nicht mit der Plappertasche alleine lassen?! Doch, er kann... seine quietschenden Reifen beweisen es mir.
Und schon geht es los... „Anna,“ Ines baut sich vor mir auf, „meinst du nicht, dass du mir erzählen solltest, wenn du dich mit dem Drummer von The Rasmus einlässt...“ Gott, wie sie die Band betont, ich könnte kotzen...
„... als deine beste Freundin stehen mir solche Informationen einfach zu...“ Mooooooment, wer hat hier was von bester Freundin gesagt?! Ich bin aber einfach zu kaputt, um zu widersprechen. Also versuche ich es gar nicht erst...

Eine Stunde später bin ich endlich erlöst. Ich habe die Kennenlern- Geschichte bestimmt vier Mal erzählt und Ines ist vor Verzückung fast geplatzt. Nach dieser scheinbar endlosen Stunde, entlässt sie mich aus ihrem Verhör mit dem Versprechen, dass ich sie unbedingt auf die nächsten Konzerte mitnehmen muss.
Seufzend lasse ich mich rückwärts auf das Sofa fallen. Ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass ich Ines nun häufiger an der Backe habe.

14. Kapitel
Vor dem Club steht eine riesige Schlange von Menschen. Mit Erstaunen muss ich feststellen, dass die Band also doch nicht so unbekannt ist. In mir keimt die Frage auf, warum ICH dann noch nichts von ihnen gehört habe...
Kaum habe ich diesen Gedanken begonnen, kommen auch schon Lauri und Kyllikki auf uns zu.
"Hey," Lauri grinst uns an. Gerade will zum nächsten Satz ansetzen, als Kyllikki uns in ihrer gewohnt ruhigen Art ein Gespräch aufzwingt.
"Mensch Anna, heute hast du dich ja mal richtig rausgeputzt..." Ich schaue an mir herunter. Schwarze Hose, schwarze Stiefel und ein schwarzes Top – also ganz normal. "... man könnte ja fast meinen, dass du Ahnung von Mode hast...," bevor sie weiter sprechen kann, ziehe ich an Akis Arm. "Ich brauche Alkohol, schnell – sonst gibt es hier gleich eine Tote." Aki nickt zustimmend und geht mit mir Richtung Hintereingang... Moment, Hintereingang? Dann sind die ja wirklich berühmt. Fast schäme ich mich meiner Unwissenheit, aber das vergeht schnell wieder.
Ein monotoner Ton hinter uns verrät mir, dass Lauri samt Anhang uns folgt. "Wie hält er das nur mit ihr aus?" zische ich Aki zu, doch der zuckt nur mit den Schulter. "Das fragen wir uns auch schon ne ganze Weile..." Ich grinse ihn an und betrete neugierig den Club.
Wow, hier sieht es ja echt gemütlich aus. Der Raum ist dunkel gestrichen und die Stühle sind mit rotem Samt überzogen. Beleuchtet wird die Lokalität durch viele kleine Lampen und Kerzen. Direkt vor uns liegt eine kleine Bühne, auf der schon die Instrumente aufgebaut sind, linker Hand befindet sich eine einladende Bar.
Aki scheint meinen Blick bemerkt zu haben, denn schon finde ich mich auf einem der überaus gemütlichen Barhocker wieder. Während Aki sich mit dem Barkeeper unterhält, lasse ich meinen Blick noch mal durch den Raum schweifen. Kaum zu glauben, dass hier gleich ein Rock-Konzert stattfinden soll, die Atmosphäre vermittelt eher etwas beruhigendes. Ich sehe Lauri und Kyllikki, wie sie mal wieder knutschend in einer Ecke stehen. Das ist ja nicht zum Aushalten, ich verdrehe die Augen.
„Schlimm, nicht? Das machen sie dauernd,“ Aki steht wieder neben mir und hat mir ne Flasche mitgebracht. „Du kannst heute Abend auf meine Kosten trinken.“ Ich schaue ihn erfreut an. „Wirklich?“
„Ja sicher doch. Schließlich begleitest du mich heute schon wieder.“ Wieder dieses umwerfende Lächeln.
Ein kurzer Blick auf seine Uhr. „Gleich ist Einlass und ich muss nach hinten...“
„Geh nur, ich komm schon zurecht.“
Aki drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Prima, dann sehen wir uns später.“ Er verschwindet Richtung Backstage- Bereich und zieht Lauri im Vorbeigehen mit sich.
Ich sehe das Grauen auf mich zukommen – Kyllikki, mein Lieblings-Hass-Objekt. Hastig greife ich nach der Flasche und dem dazugehörigen Glas und ziehe die Flüssigkeit mit einem Schluck weg. Diese Person ist einfach nicht zu ertragen.
„Anna, du trinkst um diese Zeit schon Alkohol?“ Sie sieht mich entsetzt an.
„Kennst du den Spruch nicht: Kein Bier vor vier? Jetzt haben wir gleich sechs, also geht’s doch.“ Ich kann einfach nicht freundlich bleiben, darum starre ich einfach geradeaus und umklammere die Flasche mit einer Hand.
Eine kurze Zeit herrscht wohltuende Ruhe, doch dann geht’s weiter... „Komm mit vor die Bühne, dann können wir uns die Jungs von ganz nahe ansehen...“
„Klar, das können wir ja sonst auch nicht...“
„Ach komm schon Anna,“ die kann ja auch einmal richtig nett sein..., „sei doch nicht so.“
Ich gebe mich geschlagen. „Aber die Flasche kommt mit...“ Seufzend erhebe ich mich von meinem gemütlichen Sitz und folge Kyllikki zur ersten Absperrung vor der Bühne.

15. Kapitel
Die letzten Töne des Liedes verklingen und ich bin ehrlich begeistert von dem Konzert. Vielleicht hat auch die Flasche Wodka ihren Teil dazu beigetragen, aber ich fand die Band wirklich gut und das Publikum ist total mitgegangen. Ich für meinen Teil bin jetzt richtig stolz, Akis „Freundin“ zu sein... und er sah auch noch so gut aus...!
Ich bin noch immer total in Gedanken, als plötzlich wieder Bewegung in die Masse kommt. Fast wäre ich gestolpert, doch ich kann mich gerade noch fangen. ‚Danke Kyllikki, dass du mir so freundlich hilfst,‘ grummel ich in mich hinein. Ein Blick zu Seite verrät mir, dass sie vollkommen geistesabwesend auf die Bühne starrt. Die erinnert mich eher an einen Kreischie als an die Freundin einer der Jungs, aber nun gut.
„Wollen Sie eine Zugabe?“, tönt es auf einmal wieder von der Bühne. Warum siezt Eero denn so plötzlich das Publikum? Hebt er sich nicht schon genug durch seine Größe von den anderen ab, muss er das jetzt auch noch durch besondere Höflichkeit tun? Ich kann den Gedanken nicht weiter verfolgen, denn schon reagieren die Zuschauer auf Eero. Es werden Hände in die Luft gehoben und die Leute wollen einfach nicht aufhören zu feiern. Eigentlich schon sehr lustig, wenn die Mädels neben mir nicht dauernd einen Hörsturz provozieren würden. Ich versuche es einfach mal mit einem bösen Blick in deren Richtung – keine Wirkung.
„Bist du auch Lauri-Fan?“ fragt mich eine davon mit treudoofem Blick. Kyllikki schwebt von ihren Gedanken langsam wieder zu Boden, als sie den Namen hört. „Was ist mit Lauri?“ Oh Gott, jetzt ahne ich schlimmes.
„Nichts,“ erwidert die Kleine, „ich finde den nur sooo süß.“
Kyllikki nickt zustimmend. Ob sie merkt, dass gerade andere Mädchen für ihren Freund schwärmen? Wahrscheinlich weniger... „Oh ja, das ist er. Hast du dir schon mal seinen Hintern angesehen?!“
Jetzt kann ich es mir nicht mehr verkneifen. „Da ist doch nichts...“ Ich ernte richtig beleidigte Blicke – von beiden.
Genervt verdrehe ich die Augen. Das kann doch wohl nicht wahr sein, das Konzert hätte so schön sein können.
Genau in diesem Moment wird das Licht wieder gedimmt und der Rest der Band betritt die Bühne. Kyllikki und das Mädchen kreischen sich die Seele aus dem Leib. Irgendwie muss ich das stoppen... ich weiß nur noch nicht so recht wie!
Verzweifelt sehe ich mich um, doch niemand scheint etwas anderes zu beachten, als die Band. Um mich herum feiern die Leute ausgelassen und grölen (soweit bekannt) die Texte mit.
Ich lasse meinen Blick weiter über die Menge schweifen. Wenn ich jetzt ein klein bischen nach links und dann immer weiter geradeaus gehen würde, könnte ich mich auf den einzig freien Platz an der Bar setzen und in aller Ruhe die letzten Minuten Musik genießen.
Doch in dem Moment werde ich am Arm gerupft. „Pass auf, gleich wirft Aki seine Drumsticks ins Publikum,“ kietscht Kyllikki voller Verzückung. Ich wundere mich ein wenig, dass sie die Namen der anderen Bankdmitglieder auch kennt. Bisher hatte ich noch nicht mal den Eindruck, als könne sie von A nach B denken. Aber gut, lassen wir das einfach mal so stehen...
„Das ist der letzte Song heute abend,“ sagt Lauri. Er lässt seinen Blick einmal über die Zuschauer schweifen und lächelt Kyllikki dann zu. Keine Minute später springt er schon wieder wie ein Flummi über die Bühne und holt die letzte Kraft aus sich heraus.
Langsam habe ich den Dreh raus, die Lauri-Kreischies zu ignorieren und lasse mich wieder von der Musik einfangen. Wieso ist mir diese Band nicht schon früher aufgefallen?
Ein Schub von hinten drückt mich gegen das Absperrgitter. Was ist denn nun schon wieder los? Vorsichtig schaue ich nach oben und da bauen sich die vier Rasnüsse in voller Pracht vor den Fans auf. Die sehen von hier unten sogar richtig groß aus... Das Konzert ist nun endgültig vorbei und die Jungs lassen sich feiern. Aki hält seine Drumsticks in den Händen, jetzt kommt wohl der Moment, von dem Kyllikki gesprochen hat.
Schneller, als ich derzeit gucken kann, wird das erste Stick in die Menge geworfen. Aki entdeckt mich, zwinkert mir kurz zu und schon verabschiedet sich das nächste Stick. Dann noch ein kurzes Winken zum Abschied und die vier wenden sich zum Gehen.
„Oh mein Gott,“ das Mädchen neben mir tritt wieder in Aktion, „Aki hat mich angesehen.“ Ein spöttisches Lächeln krabbelt langsam über meine Lippen. Ich wende mich ihr zu. „Und weißt du, was das Tollste ist? Ich sehe dich auch an, habe ich nun was mit ihm gemeinsam?“
Die Zwergin scheint das nicht so ganz zu verstehen und lenkt vom Thema ab. „Meine große Schwester Soonja hat seinen Drumstick gefangen,“ stolz zieht sie den Arm der Schwester samt Aki-Accessoire nach vorne. Jetzt werde ich doch neidisch... zu gerne hätte ich das Ding gehabt. Steht mir das nicht auch eigentlich zu? Ich mein, ich spiele hier seine Freundin, lasse mich rumschubsen, muss Mädchen wie Kyllikki ertragen... „Gib her!“ Diese Forderung kommt wie von alleine.
Das Mädchen schaut mich entsetzt an und ihre Schwester Soonja zieht schnell die Hand zurück. „Nein, kommt nicht in Frage.“
„Du gibst mir jetzt das Drumstick oder ...“ Weiß der Teufel, was gerade in mich gefahren ist, aber ich will dieses Ding unbedingt haben!
„Fang dir beim nächsten Mal doch selbst welche,“ nun wird Soonja auch noch frech – geht ja gar nicht!
Soonja und das Mädchen weichen einen Schritt zurück, als ich mit erhobener Faust vor ihnen stehe.
„Wie du willst... Aber denk daran: immer schön auf das Licht am Ende des Tunnels zugehen...“ Dann hole ich aus, doch im letzten Moment wird mein Arm von jemandem festgehalten.

16. Kapitel
Ich sitze auf den Stufen vor dem Club und die anderen Besucher strömen an mir vorbei. Teilweise zeigen sie auf mich und tuscheln. Das sind dann genau die Leute, die neben uns gestanden und alles mitbekommen haben. Ich versuche verzweifelt, das Karussell in meinem Kopf abzustellen, doch so recht will mir das nicht gelingen. Wie kommt es eigentlich, dass ich immer mit Brechreiz und einem dicken Schädel enden muss, wenn ich mit Aki unterwegs bin? Geben wir einfach mal Kyllikki die Schuld – die ist sonst wirklich nicht zu ertragen. Das war wirklich pure Abneigung auf den ersten Blick. Und irgendwie kommt es mir so vor, als ob sie mir nicht verziehen hat, dass ich mit Lauri auf seiner Party den ganzen Abend mächtig viel Spaß am Alkohol hatte. Ich alte Schnapsdrossel... aber ob ich mal mir ihr reden sollte? So wie es aussieht, muss ich ja nun häufiger mitgehen. Es sei denn, Lauri wird sie ganz schnell los, was allerdings nicht sehr realistisch ist... Lauri... auch ein komischer Name. Kann man lustige Dinge mit machen... LaUri hört sich doch auch nicht schlecht an. Ich grinse vor mich hin. ‚Mensch Anna, du solltest aufhören zu denken. Das bringt heute eh nichts...’
„Hey, da bist du ja. Hab dich schon gesucht.“ Hört sich nach Aki an. Eine vorsichtige Bewegung meines Kopfes verschafft mir Klarheit, es ist Aki.
„Hasloo! Du, die hamm mich einfach ausm Club geworfen...“
„Einfach war das bestimmt nicht für den guten Jyrki, der dich tragen musste. Der kam nämlich schweißgebadet wieder zurück in den Club. Scheinst ihm wohl doch ein bischen zu schwer gewesen zu sein.“ Jetzt macht er sich auch noch über mein Gewicht lustig?!
„Der hätte mich ja auch einfach drinnen lassen können...“ erwidere ich trotzig.
Aki schaut mich entgeistert an. „Meinst du ernsthaft, dass du im Recht bist? Du hast einen Fan geschlagen?“
Ich wehre mich dagegen. „Fan? Das war kein Fan... die wollte nur Lauris Hintern....“
Aki schneidet mir den Satz ab. „Es ist mir egal, was sie wollen. Komm jetzt, bevor uns jemand zusammen sieht...“ Er steht auf und geht ein paar Schritte.
Hat er das gerade wirklich gesagt? Schämt er sich so sehr für mich, dass er nicht mit mir gesehen werden will? Ich kann es einfach nicht glauben. Fassungslos starre ich ihn mit offenem Mund an. „Es könnte uns jemand zusammen sehen?“
Aki bleibt stehen und dreht sich nickend zu mir um. „Ja sicher. Meinst du nicht, dass hier die Presse ist? Glaubst du etwa, es ist gut für die Band, wenn einer von uns nach dieser Aktion mit dir zusammen gesehen wird?“ Er ist wirklich sauer.
... und zurecht. Er hat ja recht! Ich hätte mich auch anders benehmen können, aber er will mich jetzt wirklich loswerden? Das kann ich einfach nicht verstehen. Doch ich bin zu gekränkt und erschüttert, als dass ich darauf nun etwas antworten könnte.
Wortlos stehe ich auf und folge Aki zu seinem Wagen. Ich traue mich kaum, ihm in die Augen zu schauen, fühle mich schuldig. Ich versuche, so unauffällig wie möglich ins Auto zu steigen, will auf keinen Fall seinen Zorn noch weiter schüren. Ich sitze einfach nur auf meinem Sitz und warte darauf, dass dieser schreckliche Tag endlich vorbei geht.
„Die wollten wirklich nur seinen Hintern?“ Aki durchschneidet die Stille. Seine Mundwinkel zucken und ich warte jeden Moment auf schallendes Gelächter. Wie kann er jetzt nur so was fragen?! Ich versuche unsichtbar zu werden und Aki macht sich über meine Aussage lustig! Irgendwas stimmt hier nicht... trotzdem nicke ich brav.
Da ist es, das schallende Lachen, auf das ich schon gewartet habe. Endlich traue ich mich, Aki anzusehen. „Was ist denn jetzt so lustig?“
Aki lacht weiter, doch dann wird er wieder ernst. „Hast du deswegen zugeschlagen? Wegen Lauri?“
Die Häuser ziehen an uns vorbei, wir sind gleich in meiner Gegend. Ich schaue aus dem Fenster, als ich leise verneine.
„Warum dann, Anna? Erkläre es mir!“
Ich bete, dass der Wagen nun endlich vor meinem Haus hält und ich dieser peinlichen Situation entgehen kann. Wie soll ich Aki mein Verhalten erklären, wenn ich selbst nicht weiß, was mit mir los war ... ist?!
Ich brauche erst einmal ein bißchen Abstand von der ganzen Sache. Wahrscheinlich kann ich Aki aber nun nie wieder unter die Augen treten. Ich habe einen Fehler gemacht... zu groß, um ihn einfach so zu verzeihen.
Ich schweige, kann und will seine Frage nicht beantworten.
„Anna, sag doch bitte etwas,“ er bleibt hartnäckig, seine Stimme ist jedoch wieder weicher geworden. Man könnte meinen, er will mich wirklich verstehen.
Für mich war er immer nur ein Aki, dass Musik macht. Doch mir ist gerade bewußt geworden, dass er ein Star ist. In seiner Position kann er sich doch aussuchen, wer seine Freundin spielt oder sogar ist. Wieso sollte er also wert auf meine Erklärung legen? Mir wird klar, dass dieses Spiel gerade jetzt sein Ende nimmt. Er will nicht mit mir gesehen werden, warum sollte ich mich also weiter anstrengen?
„Halt bitte an!“ Ich muss raus hier, weg von ihm.
Aki bremst verwundert. „Aber Anna, die paar Meter kann ich nun auch noch fahren. Außerdem regnet es...“
Ich habe meine Hand schon am Türgriff. „Ich geh den Rest zu Fuß.“ Verzweifelt versuche ich Haltung zu bewahren.
„Was ist denn heute bloß los mir dir?“
Das ist einfach zu viel für mich. Warum kümmert er sich noch darum? Will er mich weiter verletzen? Ich schäme mich doch schon genug für meine Tat, Mitleid macht es da auch nicht besser... Ich öffne die Tür.
„Geh zu deinen Jungs und sag ihnen, du hättest dich von mir getrennt...“
Akis Blick haftet starr auf mir, während ich aus dem Auto steige und nun im strömenden Regen stehe. Ich registriere es jedoch kaum, sondern sammle meinen letzten Mut, um ihm wenigstens einen letzten Satz zu sagen.
„Aki, ich wollte eine Erinnerung an dich haben, darum habe ich es getan.“
Sein verständnisloser Blick gibt mir den Rest. Soll er doch denken, was er will. Ich mache auf dem Absatz kehrt und renne los. Nur weg hier, ich will alleine sein... seine Rufe hinter mir ignoriere ich!

17. Kapitel
Ich wickle die Decke enger um mich und hoffe auf ein bißchen Wärme. Es muss erst ein paar Stunden her sein, dass ich Aki den Rücken gekehrt habe, doch ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Sitze einfach nur da und starre vor mich hin.
Ich bin nach Hause gerannt und habe mich völlig durchnässt auf das Sofa geworfen. Nach einiger Zeit begann ich jedoch zu zittern und seitdem sitze ich hier und bin einfach nur leer. Mein Kopf ist inhaltlos und auch sonst fühle ich mich nur wie eine unnütze Hülle. Ein Gefühl der Taubheit hat mich eingefangen und ich spüre sogar meine Hand nicht mehr.
Dauernd versuche ich meine Reaktion auf Soonja zu erklären, doch ich komme zu keinem gescheiten Ergebnis. Sobald auch nur ein kleiner klarer Gedanke auftaucht, wird er wieder durch Akis wütendes Gesicht verdrängt und ich komme nicht weiter. Das schlechte Gewissen in mir wächst immer weiter und ich fühle mich schuldig.
Die Zeit bis zu meinem Schlag ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Mein Gedächtnis ist erst wieder aktiv, seit ich auf der Treppe gesessen habe.

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„Geh einfach wieder ins Bett, ich habe keine Lust auf Diskussionen mit dir.“ Er starrte an mir vorbei auf den Fernseher und biss genußvoll in sein Brot. Ich merkte, wie langsam die Wut in mir aufstieg. „Du schickst mich weg?“ Ich konnte es einfach nicht fassen. Mein Kopf schüttelte sich wie von alleine, als er mich eiskalt anschaute. „Genau das tue ich. Lass mich endlich in Ruhe und geh mir aus dem Bild.“
„Nein, du hörst mir jetzt zu! Heute morgen hast du mich schon wie den letzten Dreck behandelt, als ich dich gebeten habe, mit mir zu einer Apotheke zu fahren. Meine Bindehautentzündung war egal, Hauptsache, du konntest deinen Rausch ausschlafen. Dann war ich extra den ganzen Tag bei meinen Eltern, damit du Ruhe hattest und zum Dank dafür redest du jetzt auch nicht mit mir und schickst mich weg!“
Er schaute noch immer zum Fernseher. Keine Reaktion. Die Wut in mir wurde immer größer, breitete sich in meinem gesamten Körper aus.
Dann trafen sich unsere Blicke, seine Augen waren eiskalt. „Anna, geh endlich ins Bett und lass mich den Film gucken. Ich will dich heute nicht sehen.“
Diese Antwort verschlug mir den Atem. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich mich neben ihn auf das Sofa setzte. Meinen Kopf auf seinen Schulter versuchte ich, alles wieder einzurenken. „Lass uns nicht streiten...“
Abrupt wurde ich von ihm gestoßen und wieder war nur der Fernseher wichtig. Meine letzte Chance, ich musste mich vor die Mattscheibe stellen.
Böse schaute er mich an. „Verschwinde da, ich will endlich MEINE Ruhe!“ So ging es also weiter... Besitzansprüche stellen! Jetzt reichte es mir wirklich und meine Gedanken gerieten ausser Kontrolle.
„Gut, dann mach ich eben MEINEN Fernseher aus.“ Kaum hatte ich das getan, flog mir auch schon sein Brot um die Ohren. „Mach das verdammte Ding wieder an...!“
Entschlossen schüttelte ich den Kopf, ich wollte jetzt unbedingt mit ihm reden. Kurz darauf stand er schon vor mir und legte mir drohend seine Hand an meinen Hals. Ich sah rot vor Wut und Enttäuschung über sein Verhalten, doch nun hatte ich auch noch Angst. Ein Griff nach rechts und sein Handy lag in meiner Hand...
Meine Erinnerung setzte erst wieder ein, als mein Vater dazwischen ging, der eine Etage unter uns lebte und uns auseinander hielt. Ich schaute mich um, hatte die Arme voller Blut. Verzeifelt versuchte ich, das Blackout zu vertreiben und da fiel es mir wieder ein: Der Streit war so ausgeartet. Resultat: vertrümmerte Gläser, ein kaputtes Handy, eine Beule an seinem Kopf und diverse Kratzwunden an unseren Körpern.

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Wieder holt mich die Erinnerung ein und wieder kann ich ihn nicht aus meinem Kopf vertreiben. Noch immer gebe ich mir die Schuld an dem damaligen Streit. Ich habe einfach zu verzweifelt versucht, jemanden an mich zu binden – genauso wie heute. Wieder hatte ich mich nicht unter Kontrolle und wieder habe ich einen Menschen dadurch verloren.
Tränen treten in meine Augen, als mir bewußt wird, dass ich Aki nun nie wieder sehen werde. Bisher habe ich mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, wie lange unser Spiel wohl anhalt... aber das brauche ich ja nun auch nicht mehr.
Mit letzter Kraft stehe ich auf und schleppe mich an die Bar. Wie so oft in letzter Zeit, kann nur der Alkohol meinen Schmerz betäuben.

18. Kapitel
Der nächste Morgen kommt schneller, als mir lieb ist. Verschlafen blinzle ich der Sonne entgegen und versuche, mich aufzurichten. Mein Kopf schmerzt und meine Glieder sind steif, doch irgendwie schaffe ich es doch, mich vom Boden auf das Sofa zu ziehen. Erschöpft lasse ich die Arme hängen und werfe mich nach hinten. Ich frage mich, was ich diese Nacht alles getrunken habe, doch ein Blick auf den Boden verrät es mich – eindeutig zu viel und vor allem zu viel durcheinander. Ich stöhne kurz auf, denn die Bewegung tut meinem Kopf nicht gut. Wie jedes Mal nach so einem Abend schäme ich mich für meine Schwäche, meine Probleme nicht aushalten zu können und immer ertränken zu wollen. Doch im dem Moment des Trinkens scheint mir das die einfachste Lösung zu sein, damit umzugehen.
Mir ist schlecht und ich habe das dringende Bedürfnis nach einer Dusche. Unter viel Kraftanstrengung schleppe ich mich ins Bad und drehe das Wasser auf.
Die Wärme tut meinem Körper und meiner Seele gut. Während ich regungslos unter der Brause stehe, schweifen meine Gedanken wieder zu Aki.
Urplötzlich ist er ein Teil meines Lebens geworden, doch genauso plötzlich ist er wieder verschwunden. Anfangs habe ich das alles nur als lästige Angelegenheit gesehen, bin nicht davon ausgegangen, dass unser Spiel kaum länger als einen Abend gespielt werden sollte. Ich sah Aki bisher eigentlich immer als jemanden, der Angst vor seinen Freunden hat und jemanden sucht, hinter dem er sich verstecken kann.
Doch gestern Abend hat sich mir ein anderer Aki vorgestellt. Jemand, vor dem man Respekt haben kann. Jemand, der entgegen allem Spott sein Ding durchzieht und dem der Erfolg Recht gibt. Ein liebenswerter Mensch, der es nicht verdient hat, verspottet zu werden – auch, wenn er sich eine Freundin „ausleihen“ muss.
Ich selbst habe meine Rolle in diesem Spiel bisher nicht wirklich durchdacht, habe mich einfach kopflos auf das Abenteuer eingelassen ... und bin jetzt kläglich gescheitert.
Habe meine Grenzen mal wieder nicht erkannt und bin viel zu weit über das Ziel hinaus geschossen. Gerade jetzt könnte ich mich für mein Verhalten ohrfeigen, doch auch diese Situation ist mir nur allzu bekannt und ich weiß, dass das vorüber geht.
Seufzend stelle ich das Wasser ab und wickle mich in ein Handtuch. Der Blick in den Spiegel verrät mir, dass ich furchtbar aussehe. Aber warum sollte ich nicht zeigen, wie ich mich fühle. Der müde Versuch, meine Haare zu trocknen misslingt und so werde ich die Handtücher achtlos zu Boden.
Meine Lieblingsklamotten liegen wie immer griffbereit und mir ist nach einer starken Tasse Kaffee. Durch die Dusche ein wenig munterer, mache ich mich auf den Weg in die Küche. Dem Chaos im Wohnzimmer schenke ich keine Beachtung, das wird später auch noch da sein und darauf warten, beseitigt zu werden.
Der Griff zur Kaffeedose bringt Ernüchterung – leer. Warum muss man eigentlich immer selbst einkaufen gehen, wenn die Eltern in Urlaub sind?! Können die nicht vorher alles besorgen, damit man ein schönes Leben hat?!
Genervt wäge ich ab, ob eine schöne Tasse Kaffee den Aufwand des Umziehens wirklich wert ist. Ein kurzer Kampf mit mir selbst, dann gebe ich mich geschlagen und trotte in mein Zimmer, um mich einigermaßen herzurichten.
Keine fünf Minuten später betrete ich die Straße, meine Sonnenbrille auf der Nase und mache mich auf dem Weg in die Stadt. Wie immer ist es mir eindeutig zu hell, ich senke den Kopf und verfluche innerlich die Sonne. Die Leute um mich herum bemerke ich nur wegen der Schatten, die sie werfen.
Ein doppelter Schatten kommt geradewegs auf mich zu. Ich schaue kurz auf, um zu sehen, ob diejenigen mir ausweichen... und schaue geradewegs in Kyllikkis Augen. Einen Moment bleibt mein Herz stehen. Lauri und sie sind unzertrennlich, das erklärt auch den zweiten Schatten. Ich mag mich den beiden nicht stellen, schaue rasch weg und schlage einen Haken. Schnellen Schrittes gehe ich weiter, hoffe, dass sie mich nicht erkannt hat. Aber wie sollte sie auch, ich hab doch eine Sonnenbrille auf.
Dieser Adrenalin-Schock ist mir gar nicht gut gekommen und ich steuere mein Lieblings- Café an. Jetzt erstmal entspannen! Zu meinem Glück ist mein Stammplatz noch frei. Von dort aus kann man wunderbar die Leute beobachten, ohne sofort selbst gesehen zu werden.
„Anna,“ Katja, die Kellnerin, kommt auf mich zu, „dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.“ Sie deutet zwinkernd auf meine Sonnenbrille. „Na, gestern ne lange Nacht gehabt?“ Ich nicke nur kurz, gelogen ist es ja nicht. „Kannst du mir bitte einen Kaffee bringen?“
Sie schaut mich verwundert an. „Heute mal keinen Milchshake?“
Ich schüttle vorsichtig den Kopf. „Ne, lieber etwas zum wach werden.“
Sie lacht auf und verschwindet dann, um mir kurze Zeit später meine Bestellung zu bringen.

19. Kapitel
„Hab ich doch eben richtig gesehen,“ gerade will ich mir meine nächste Zigarette zu meinem dritten Kaffee anzünden, als ich angesprochen werden.
„Hey,“ mehr fällt mir als Begrüßung nicht ein. Ohne zu fragen, setzt Kyllikki sich zu mir an den Tisch und winkt Katja zu sich. „Ein Mineralwasser bitte.“ Dann wendet sie sich wieder mir zu. „Warum versteckst du dich denn hier in der Ecke? Es ist doch so schön, da muss man einfach in die Sonne gehen.“ Kyllikki streckt alle viere von sich und hält ihr Gesicht in die Sonne. Ob die Strahlen durch die Make up-Schicht kommen? „Findest du das Wetter nicht auch herrlich?“
Oh Gott, Small Talk ist jetzt wirklich das Letzte, was ich gebrauchen kann.
„Falls es dir noch nicht augefallen ist... ich genieße mein Leben als Scheintote. Sonnenstrahlen würden das Image nur ruinieren.“
„Naja, du siehst heute nicht wirklich so aus, als ob du dein Leben genießen würdest...“ Ich bin erstaunt, von welcher Seite sie sich heute zeigt. Doch noch lieber wäre mir, wenn sie keine Anspielungen auf den gestrigen Abend machen würde. Schnell lenke ich ab.
„Wo hast du denn Lauri gelassen?“
Kaum erklingt dieser Name, strahlt sie mich wieder an. „Lauri musste zur Probe. Eigentlich wollte ich ja mit, aber dann hab ich dich hier sitzen sehen.“ Erwartungsvoll sieht sie mich an. Und jetzt? Soll ich ihr vor Dankbarkeit um den Hals fallen? Falsch gedacht, Schätzchen...
„Ach du, meinetwegen kannst du gerne wieder gehen. Ich langweile mich schon nicht ohne dich.“ ‚Bitte steh auf und lass mich in Ruhe,‘ ich bete innerlich. Doch wie immer werden meine Gebete nicht erhört. ‚Ob es daran liegt, dass ich nicht an Gott glaube?‘ Oh je, Kyllikki regt mich immer zu merkwürdigen Gedanken an...
„Weißt du was, wir gehen jetzt einfach zusammen dahin?“
Schlagartig schenke ich ihr meine volle Aufmerksamkeit. „Was?!“
„Hörst du mir eigentlich nicht zu? Ich sagte, wir gehen jetzt zusammen zur Probe.“
Oooooh nein, was auch immer sie vorhat, ich mach da nicht mit... „Bloß nicht!“
„Warum denn nicht?“ Kyllikki schaut mich verständnislos an, „was ist an einem gemeinsamen Besuch unserer Freunde einzuwenden?“
Unsere Freunde? Meint sie das ernst oder will sie mir verarschen? Hat sie das Theater gestern etwa nicht mitbekommen oder stellt sie sich jetzt extra blöd? Hat Aki vielleicht doch kein Wort gegenüber der Anderen über den Vorfall verloren? Die Fragen spielen in meinem Kopf Nachlaufen.
„Anna?“ Kyllikki unterbricht das muntere Treiben in meinem Kopf, „gehen wir nun?“ Meine Antwort nicht abwartend, winkt sie nach der Kellnerin, um zu zahlen.
Ich suche noch immer nach einer Ausrede, nicht mitkommen zu müssen, zahle extra langsam und verabschiede mich von Katja. „Machs gut, Katja. Lass uns bald mal zusammen einen Kaffee trinken gehen. Wie läufts eigentlich mit Thore?“ Katja ist erfreut über die Nachfrage und erzählt mir gerne die interessantesten Neuigkeiten. Verstohlen werde ich einen Blick in Kyllikkis Richtung, die nervös darauf wartet, dass ich endlich mitkomme. Meinetwegen hätten wir noch Stunden hier stehen können, doch Katja wird von einem Gast gerufen.
„Ich muss wieder an die Arbeit. War schön, dich getroffen zu haben, Anna. Bis bald.“ ... und schon ist sie verschwunden.
Kyllikki trippelt ungeduldig von einem Fuss zum nächsten. „Kommst du endlich?“
„Hab ich nicht eben gesagt, dass ich nicht mit möchte? Was an ‚Nein‘ hast du nicht verstanden?“
„Mensch Anna, sei doch nicht so schlecht gelaunt! Los komm, dir wird es schon gleich besser gehen, wenn du deinen Aki sehen kannst.“ Fröhlich marschiert sie los und zieht mich hinter sich her.
Aki... geht es mir heute nicht so schlecht, weil ich versucht habe, die Gedanken an ihn in Alkohol zu ertränken? Ich bin ratlos, wie ich dem Zusammentreffen entgehen soll. Wieso kann nicht einfach ein Blitz zu Boden gehen und mich treffen?!
„Du Kyllikki, mir ist nicht so gut. Ich glaub, gestern abend war es doch ein bischen heftig...“ ich glaub es nicht nur, ich weiß es.... „ich geh lieber nach Hause und leg mich hin.“
Prüfend betrachtet sie mich, dann lenkt sie ein. „Schade, aber du siehst wirklich ein wenig krank aus. Soll ich dich begleiten?“
Vehement schüttle ich den Kopf. „Nein danke, es geht schon.“ Ich wende mich zum Gehen und rufe noch ein „Viel Spaß bei der Probe.“ über die Schulter. Endlich bin ich von ihr befreit und muss mich nicht mehr vor den Blicken Akis fürchten.

20. Kapitel
Zu Hause erwartet mich das Chaos der vergangenen Nacht. ‚Manchmal sind Mütter doch nützlich‘. Seufzend mache ich mich ans Aufräumen.
Mit guter Musik geht das doch alles viel besser und eine Stunde später sieht alles wieder ordentlich aus. Ich packe die Flaschen in eine Tüte, um sie wegzuwerfen.
Vor dem Mülleimer des Hauses überlege ich einen kurzen Moment. Meine Eltern würden mich jetzt zu dem Flaschencontaier zehn Minuten entfernt schicken; vor allem, damit die Nachbarn kein schlechtes Bild von uns bekommen. Aber der Weg scheint mir gerade so unendlich weit, darum lasse ich mich hinreissen, den Müll hier abzuladen. Sollen die Nachbarn doch denken, was sie wollen. In deren Augen bin ich eh ein missratenes Balg, dass nur Ärger macht.
Noch ein letzter Blick über die ruhige Straße, dann wende ich mich wieder zum Haus. Doch da war etwas... Ruckartig drehe ich mich wieder um. Am anderen Ende der Straße passiert gerade jemand die Straße. Mein Herz zieht sich zusammen. Diese Gestalt hat enorme Ähnlichkeit mit Aki. Die Siluette erkenne ich sofort, sie ist wie am ersten Abend auf dem Felsen. Aber warum sollte Aki in dieser Gegend herumlaufen? Ein Besuch bei mir kommt ja noch dem Abend im Club eh nicht mehr in Frage. Oft genug habe ich mir in den letzten Stunden gewünscht, ich würde ihm begegnen oder er würde das Gespräch mit mir suchen. Wie gerne würde ich mich mit ihm aussprechen, doch mir fehlen der Mut und die Worte dazu.
Ich beobachte die Gestalt gespannt, sie schlägt die Richtung zu meinem Haus ein. Es könnte wirklich Aki sein, doch ich verbiete mir diese Hoffnung. Also löse ich meinen Blick von der Gestalt und gehe ins Haus zurück.
Unruhe breitet sich in mir aus, dauernd sehe ich diesen Schatten vor mir. Ich wandere im Haus auf und ab, schaue immer wieder unauffällig aus dem Fenster und beobachte die Straße. Doch leider ist die Person nirgens zu sehen.
Diese Unruhe geht in Enttäuschung über. Enttäuschung darüber, dass es nicht Aki war; darüber, dass ich mir Hoffnung gemacht habe; darüber, dass nun wirklich alles vorbei ist. Aber besonders enttäuscht bin ich von mir. Ich habe ja mal wieder meisterhaft überreagiert.
Niedergeschlagen lasse ich die Arme neben meinem Körper baumeln und schleiche zurück ins Wohnzimmer. Seufzend falle ich aufs Sofa und greife mit einer Hand zu meinen Zigaretten. Mir ist so was von egal, ob meine Eltern das verboten haben oder nicht... jetzt geht es mir schlecht und ich brauche eine gemütliche Zigarette.
Der erste Zug wirkt Wunder. Ich schließe meine Augen und atme tief ein. So lässt es sich entspannen... wenn da nicht immer diese komische Gefühl im Bauch wäre. Komisch, das ist genau die richtige Bezeichnung, denn es lässt sich nicht genau definieren.
Gerade nehme ich den nächsten Zug meiner Zigarette, als es schellt. Ich schrecke zusammen und verschlucke mich so heftig am Rauch, dass mir die Tränen kommen. Aber diese Situation kennen wir ja schon vom Abreisetag meiner Family. Ich bin nur froh, dass ich diesmal nicht wieder die Kippenreste vom Boden aufsuchen darf. Meine Ma hätte mich geköpft, wenn Asche- oder Brandflecken auf den guten Teppich kämen. Aber ich schweife ab, was wollte ich nochmal? Ach ja, es hat geklingelt.
Es hat geklingelt!!!! Mir wird schlecht. Was mache ich denn, wenn diese Person eben wirklich Aki war und er jetzt vor meiner Tür steht? Das ist genau die Situation, vor der ich am meisten Angst habe. Erwartet er nun wirklich eine Erklärung von mir, die ich ihm nicht geben kann?
Mit diesem unguten Gefühl nähere ich mich langsam der Wohnungstür. Die Hand schon an der Klinke, atme ich noch einmal tief durch. Mit einem mutigen Ruck öffne ich die Tür ...

21. Kapitel
„Du?!“
Alle Anspannung fällt von mir ab ... und mir wahrscheinlich auch alles aus dem Gesicht. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.
„Hallo!“ Freudestrahlend fällt Ines mir um den Hals. Ich bin so perplex, dass ich ihre Umarmung erwidere. Gleichzeitig ärgere ich mich über meine eigene Naivität, Aki stünde an der Tür. Aber dieses Hin und Her ist wohl meine Strafe. Aber besser unerwarteter Besuch, als weiter stumpfsinnig vor sich hin zu starren und zu viel nachzudenken, oder?
Ich trete einen Schritt beiseite. „Komm doch rein. Was treibt dich überhaupt her?“ Es gelingt mir sogar freundlich zu lächeln. Eigentlich freue ich mich ja sogar wirklich über die Ablenkung. „Magst du nen Kaffee?“
Ines spaziert geradewegs ins Wohnzimmer und macht es sich auf dem Sofa gemütlich. „Oh ja, gerne.“ Sie schaut sich um, während ich in der Küche hantiere.
„Hier sieht es so ordentlich aus, du scheinst nicht oft zu Hause zu sein,“ bemerkt sie mit einem Grinsen.
„Ach, und wo meinst du, bin ich gewesen?“ Ebenfalls grinsend betrete ich samt Tablett das Wohnzimmer und lasse mich neben ihr aufs Sofa fallen. Doch ich wäre nicht das Kind meiner Mutter, wenn ich nicht sofort wieder aufspringen würde, um Kekse und Schokolade zu holen.
„Mensch Anna, bleib mal locker,“ Ines kennt diese Spielchen schon., „ich hab alles, was ich brauche. Das einzige, was ich noch will, sind Einzelheiten von dir...“ Schon wieder dieses vielsagende Grinsen.
„Einzelheiten?“ ich reiße gespielt meine Augen auf, „eine Lady genießt und schweigt.“ Meine Bemühungen, ernst zu bleiben scheitern kläglich und ich muss lachen. Dieses Lachen befreit. Vor allem tut es gut, weil es irgendwie ja im Zusammenhang mit Aki steht. Dennoch möchte ich das Thema wechseln.
„Sag mal, gibt es bei dir denn niemanden? Oder Neuigkeiten, die ich unbedingt erfahren sollte?“ Ich bin ja gar nicht neugierig...
Ein Strahlen geht über Ines‘ Gesicht. Sie sieht mit einem Male richtig verliebt aus und das macht mich noch neugieriger.
„Nun sag schon,“ ich springe neugierig auf dem Sofa auf und ab, „wer ist es!“
Ines sitzt nun ebenfalls im Schneidersitz. „Also, er heißt Björn, ist 1,97 groß und hat blonde Haare. Seine Augen sind einfach nur umwerfend blau und er ist Barkeeper im ‚Stiell’s‘. Ich hab ihn letzte Woche zum ersten Mal dort gesehen. Wir haben uns gleich gut verstanden und sind mehrmals miteinander aus gegangen. Aaach...“ Dieses verzückte Seufzen sagt mehr als tausend Worte. Und ich gönne es ihr wirklich. Ihr letzter Freund war wirklich nicht das Gelbe vom Ei.
In diesem Anflug von Zuneigung umarme ich Ines. „Ich wünsch dir, dass du mit ihm Glück hast.“ Diesmal ist es wohl an ihr, erstaunt zu sein. Nach dieser Umarmung herrscht fast peinliche Stille.
„Wie wärs, wenn ich dir Björn vorstelle?“ unterbricht Ines das Schweigen.
„Jetzt?“ Mit Grauen denke ich an mein derzeitiges Aussehen, doch Ines nickt. Ich überlege kurz, doch dann bin ich einverstanden. „Okay, aber gib mir fünf Minuten. So kann ich nun wirklich nicht in eine Bar gehen.“
Mit diesen Worte springe ich auf und renne ins Bad. Schnell ein bischen Schminke, raus aus den Gammel-Klamotten und rein in den Faltenrock. Ein Blick in den Spiegel verrät mir, dass meine Haare eigentlich nicht mehr zu retten sind. Also nur schnell hochgesteckt und es kann losgehen.
Als ich bei Ines ankomme, schaut sie verwundert auf die Uhr. „Ui, das waren aber weniger als fünf Minuten.“
„Gekonnt ist gekonnt,“ erwidere ich grinsend. Mit der einen Hand schnappe ich mir meine Tasche, mit der anderen den Schlüssel.
„Willst du ohne Schuhe gehen?“
Erstaunt schaue ich zu meinen Füßen. Hab ich in der Eile doch glatt das Wichtigste vergessen.
Wie praktisch, meine Lieblingsschuhe stehen direkt neben mir. Schnell schlüpfe ich hinein und nun bin ich wirklich fertig.
„Also dann, lass uns deinen Traumprinzen mal besuchen gehen...“

22. Kapitel
Das ‚Stiell’s‘ ist eine überaus gemütliche, orientalische Bar. Die Sitzecken sind mit vielen bunten Kissen versehen und auf kleinen ebenfalls bunten Tischen kann man die Getränke abstellen. Besonders beliebt ist diese Bar bei Liebhabern der Wasserpfeife. Für wenig Geld kann man hier mehrere Stunden verschiedene Geschmacksrichtungen ausprobieren.
Wir betreten den Laden und schauen uns kurz um. Als sich Ines‘ Gesicht erhellt, weiß ich natürlich sofort, wen sie gesichtet hat. Schnurstracks geht sie auf einen Angestellten zu, das muss dann wohl Björn sein.
Ines hat nun wirklich nicht übertrieben, dieser junge Mann sieht echt gut aus. Wenn blond mein Geschmack wäre, würde ich ja glatt neidisch werden.
„Schatz, das ist meine Freundin Anna,“ werde ich vorgestellt. Ich reiche Björn die Hand. „Hallo, schön dich kennen zu lernen.“
„Freut mich ebenfalls. Wollt ihr euch nicht zu mir an die Theke setzen? Dann können wir uns nebenbei noch etwas unterhalten.“
Was für eine Frage, natürlich will Ines... die beiden sind einfach nur niedlich zusammen und man kann ihnen ansehen, wie verliebt sie sind.
„Möchtest du auch einen Cocktail?“ Björn beugt sich über die Theke. Ich nicke kurz. „Gerne.“
Die Bar ist noch nicht besonders besucht, die meisten Gäste werden wohl erst später eintreffen. Ich erkenne das ein oder andere Gesicht, doch mein Augenmerk liegt auf der Person am anderen Ende der Theke.
Nach genauem Betrachten kann man die schwarzen Fingernägel und die zerzausten Federn im Haar erkennen. Ganz klar, LaUri! Mich wundert, dass er sich in einer Bar wieder dieser aufhält. Hätte ihm eher kleine, verrauchte Kneipen mit lauter Musik zugetraut. Muss wohl Kyllikkis Einfluss sein... apropos Kyllikki.... die habe ich noch nicht gesichtet. Naja, vielleicht taucht sie ja noch auf.
Ich widme mich meinem Cocktail und beobachte weiter die Leute. Das Geturtel von Ines und Björn bekomme ich nur nebenbei mit.
Auf dem Strohhalm kauend überlege ich, ob ich mich nicht einfach mal zu Lauri setzen soll. Vielleicht bekomme ich ja etwas über den weiteren Verlauf des furchtbaren Club-Erlebnisses heraus. Ich schnappe mir mein Glas und springe so gut es geht vom Barhocker. „Ich bin mal eben bei einem Freund,“ gebe ich kurz Bescheid, habe jedoch die Gewissheit, dass weder Ines noch Björn mich registriert haben.
Ich schlendere zu LaUri, versuche nicht darüber nachzudenken, ob das hier seine Richtigkeit hat. Warum sollte ich nicht mit ihm reden? Schließlich habe ich mich ja nicht direkt vor ihm blamiert.
„Hey LaUri.“ Scheiße, JETZT habe ich mich vor ihm blamiert. Vielleicht sollte ich lieber erst nachdenken, bevor ich den Mund aufmache.
Lauri dreht sich um und grinst, als er mich sieht. „Hey, wer von uns hat die Schule abgebrochen und müsste jetzt Legastheniker sein? Du oder ich?“
Ein tiefer Blick in seine Augen und dann auf sein halb leeres Glas. Das müsste schon mindestens das achte Bier sein, also kann man von guter Laune ausgehen...
Ohne zu fragen, setze ich mich neben ihn.
„Setz dich ruhig, macht mir nicht aus.“ Oh ja, dieses Grinsen bestätigt seine gute Laune.
„Lauri, du bist so leicht zu durchschauen, darum habe ich nicht gefragt.“ Ich liebe solche Gespräche einfach. „Wo ist eigentlich Kyllikki?“
Lauri zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ihre neue Lieblingsband ist in der Stadt. Wahrscheinlich sitzt sie jetzt mit ihrer Freundin an der Hotelbar und wartet.“ Seine Stimme klingt auch ein bisschen traurig dabei.
„Sie sitzt an der Hotelbar und wartet worauf?“
„Dass der Sänger sie mit aufs Zimmer nimmt, worauf sonst?“ Lauri leert sein Glas mit einem Zug und bestellt sofort das nächste. „Du auch noch was?“ Ich nicke nur, muss das eben Gehörte erst sacken lassen.
„Moment, willst du damit sagen, deine Freundin ist ein Groupie?“ Ich will es aus seinem Mund hören, darum frage ich...
Nun nickt Lauri. „Ja, du hast es erfasst.“
Darauf muss ich erst mal was trinken. Meine ich das nur oder schmeckt dieser Cocktail besser als der letzte? Egal, ich schweife an. Kyllikki ist ein Groupie... Moment, Kyllikki ist ein Groupie!
„Lauri, jetzt sag nur noch, dass sie dein Groupie ist...“ Ich fasse es einfach nicht, irgendwie ist diese Erleuchtung aber zum Totlachen.
Lauri schaut mich kurz an, widmet sich dann wieder seinem Glas. „So habe ich sie zumindest kennen gelernt. Und weil sie nicht schlecht ist, habe ich sie einfach behalten. Du weißt schon, was ich meine.“
Ich pruste meinen Cocktail wieder ins Glas, verschlucke mich fast vor Lachen. „Das ist nicht dein Ernst...!“
Die Rasnüsse sind wirklich Freaks.... anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich schon zwei von vieren so heftig ausgelacht habe!

23. Kapitel
Ich kann mich noch immer kaum beruhigen. Dieses Gespräch mit Lauri hat meine Laune wirklich erheblich gebessert. Ich hatte ja schon meine Vermutung, warum Lauri mit Kyllikki zusammen ist, aber die richtige Version ist noch um einiges besser.
Mein Lachen scheint ansteckend zu sein, denn Lauri bricht auch in schallendes Gelächter aus. „Das darf man wirklich keinem erzählen, wie ich an Kyllikki gekommen bin,“ bringt er unter Atemnot hervor, „hört sich ja richtig lustig an, wenn man das auspricht!“
Ich halte mich an ihm fest, habe schon Bauchschmerzen vor Lachen. „Verdammt Lauri... du bist schuld, wenn ich morgen Muskelkater habe...“ Langsam wird mir das echt zu viel. „Okay, Schluss jetzt! Wir müssen aufhören zu lachen, sonst falle ich gleich tot um.“
„Alles klar,“ Lauri versucht, sein Lachen zu unterdrücken, doch seine Grimasse bringt mich einmal mehr zum Grinsen.
„Lange nicht mehr deinen eigenen Schrei gehört, oder?“ Lauri schaut mich verständnislos an. „Hör auf, solche Grimassen zu schneiden!“ Hätte ich das doch bloß nicht gesagt, schon folgt die nächste Lach-Welle. So kann das nicht weiter gehen!
Ich konzentriere mich auf mein Glas und es scheint zu klappen. Langsam kann ich mich wieder entspannen und atme einmal tief durch.
„Mensch, ich hab schon lang nicht mehr gelacht,“ das musste doch mal gesagt werden.
Lauri wischt sich die Tränen aus den Augen. „Oh ja, dem kann ich mich nur anschließen.“ Stille.
Irgendwie eine bedrückende Stille und ich kann nicht anders, als weiter in dem fruchtigen Geschmack meines Cocktails zu versinken. Der ist auch einfach zu lecker...
„Weißt du, Aki ist eigentlich zu beneiden...“
Aki? Mein Kopf schnuckt hock. „Wie kommst du jetzt auf Aki?“ Verdammt, schon wieder dieses unbehagliche Gefühl im Bauch. Männer haben es einfach drauf, jede schöne Situation wieder kaputt zu machen.
„Naja...,“ Lauri druckst ein wenig herum, „...mit Kyllikki habe ich noch nie so gelacht...“ Wieder ein Schluck aus seinem Glas, „... und Aki hat mit dir bestimmt irre viel Spaß...“
Ich kann es nicht fassen. Die Beziehungs-Geschichte haben die uns wirklich abgekauft! Ich hätte Schauspielerin werden sollen...!
„Ach ja, denkst du!“ Ich schaue in mein Glas, muss unbedingt Augenkontakt mit Lauri vermeiden. Schon viel zu oft hat meine Augenfarbe meinen Gemütszustand verraten...
„Anna, was ist los? Du bist auf einmal so traurig.“ Na klasse, er hat es also doch gemerkt. Irgendwie muss ich jetzt aus der Sache wieder raus kommen. Aber will ich das wirklich? Will ich mir jetzt schon wieder etwas aus den Fingern saugen, um weitere Fragen zu vermeiden? Nein, eindeutige Antwort. Ich weiß nicht warum, aber Lauri scheint mir vertrauenswürdig. Und eigentlich liegt mir die Geschichte mit Aki auf dem Magen und ich würde gerne mit jemandem darüber reden. Noch schlimmer kann es ja eh nicht werden...
„Hast du dich mit ihm gestritten?“ Okay, ich könnte jetzt eh nicht abblocken. Lauri scheint sehr hartnäckig zu sein.
„Naja, weißt du...“ Noch immer kämpfe ich mit mir, „richtig gestritten nicht. Ich hab da was ganz dummes getan und ... naja, jetzt ist es wohl besser, wenn Aki und ich uns nicht mehr sehen.“ Ich hoffe, dass ihm das als Antwort genügt.
Lauri zeigt dem Kellner eine neue Runde an, lässt sich viel Zeit mit der Antwort. Doch dann stellt er endlich die Frage, auf die ich gewartet habe: „Und was hast du getan?“
Jetzt habe ich keine andere Wahl mehr, ich muss beichten... „Ihr habt doch letztens das Konzert in diesem Club gegeben...“ Lauri nickt. „... und ich hab beinahe einen Fan von euch geschlagen...“ Ich schäme mich. Das vor Lauri zu wiederholen macht mir mal wieder beußt, wie schäbig mein Verhalten doch war. Man kann doch nicht einfach jemanden schlagen!
„Echt?“ Zwei große, grüne Augen schauen mich halb entsetzt, halb belustigt an. „Warum denn das? War die etwa hinter Aki her?“
„Nein, hinter dir,“ das muss einfach klar gesagt werden.
„Oh,“ Lauris Augen blitzen auf, „war die denn wenigstens hübsch?“
War ja klar, dass er so reagiert. Nachdem die Kyllikki-Geschichte rausgekommen ist, musste ja so eine Frage kommen.
„Mensch Lauri!“
„Was denn? Man wird ja wohl noch fragen dürfen...“ Ich muss schmunzeln.
„Also mal im Ernst. Was war denn los, dass du auf nen Fan losgegangen bist?“ Jetzt ist Lauri richtig knuffig. Und irgendwie geniere ich mich jetzt nicht mehr so, mit der Wahrheit rauszurücken. Also Augen zu und durch...
„Aki hat seine Drumsticks geworfen und ich wollte sie doch so gerne haben. Als Erinnerung an ihn, wenn er mal nicht mehr bei mir ist... und irgendein Fan neben mir hat die Dinger gefangen. Naja, sie wollte sie mir nicht geben und da hab ich halb einfach nicht weiter nachgedacht...“
Jetzt ist es raus. Es war gar nicht so schwer, aber ich trau mich dennoch nicht, Lauri anzusehen.
„Hm, da ist wirklich eine dumme Sache...“
„Das weiß ich selbst,“ unterbreche ich ihn, „und es tut mir auch wirklich leid.“
Ich schaue Lauri flehend an. Möchte einfach, dass er mich versteht.
„Mensch Anna, du machst aber auch Sachen... Nur warum denkst du jetzt schon an die Zeit, in der er mal nicht bei dir sein kann?“
Ich zucke nur die Schultern. „Ich kann es dir wirklich nicht sagen, Lauri! Es ist einfach mit mir durchgegangen. Ich kann es dir doch auch nicht erklären...“
Ich merke etwas warmes auf meiner Schulter, dann werde ich zu Lauri gezogen. „Ach Kleines, mach dir deswegen keinen Kopf. Hast du schon mit Aki darüber gesprochen?“
Ich schüttle nur den Kopf.
„Das solltest du vielleicht mal tun, denn ich hab schon mit ihm gesprochen.“
Ich richte mich wieder auf.
„Wann?“
„Eben.“
„Wann eben?“
„Hm, die Zeit kann ich dir nicht genau sagen, aber kurz bevor du zu mir gekommen bist, hat Aki sich verabschiedet.“
Meine Augen weiten sich, mir fehlen die Worte. „Oh...“
„Tust du mir den Gefallen und sprichst morgen mit ihm?“
„Nein,“ das ist nun wirklich zu viel verlangt.
„Aber du bist doch noch in ihn verliebt, oder?“

24. Kapitel
Ich schlucke, die Frage kommt nun wirklich aus heiterem Himmel. Es schafft selten jemand, mich so aus der Fassung zu bringen, aber gerade jetzt bin ich ziemlich sprachlos.
„Anna? Hörst du mir überhaupt zu?“ Lauri schaut mich prüfend an.
„Du, ich bin ziemlich müde. Ich glaub, ich gehe langsam mal ins Bett.“ Mit diesen Worten greife ich nach meinem Portemonaie und stehe auf.
„Lass mal, ich übernehme deine Getränke,“ Lauri lächelt mir zu, „schließlich hast du heute meinen Abend gerettet. Beantwortest du mir denn noch meine Frage?“
Wie soll ich etwas beantworten, über das ich mir noch keine Gedanken gemacht habe? Aber ich weiß ja, was mein Gefühl sagt... „Ja, ich bin in ihn verliebt. Aber glaub mir, es ist besser, wenn das nur zwischen uns bleibt...“
Lauri zuckt mit den Schultern. „Wenn du meinst... Ich bin noch immer der Meinung, du solltest mit ihm reden.“ Er umarmt mich. „Schlaf gut, Kleines. Und mach dir nicht zu viele Gedanken, das kommt schon alles wieder in Ordnung.“
The Crow – schon wieder... „Du kannst diesen Film auch in allen Lebenslagen zitieren, oder?“
Lauri grinst schelmisch. „Es gibt ja auch keine bessere Weisheit als die Aussage dieses Films...“
Ich stimme ihm zu. „Da hast du wohl recht. Ich muss aber jetzt wirklich los.“
„Pass auf dich auf. Wenn du magst, können wir ja nochmal so einen Abend verbringen. Gib mir deine Nummer, dann ruf ich dich an.“
Ich nicke, schnappe mir einen Bierdeckel und greife nach dem Stift, den ich immer in meiner Tasche habe. „Hier, du kannst dich ja melden, wenn du Zeit hast. Machs gut, Lauri.“
Auf dem Weg zur Türe winke ich nur kurz Ines und Björn zu, dann trete ich in die kühle Nachtluft.
Diese Abend hat mich wirklich zum Denken angeregt. Nicht so negativ wie meine letzten Gedanken... Ich habe es einfach genossen, mit Lauri über alles sprechen zu können. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er mich verspottet oder nun mit anderen Augen betrachtet. Er hat einfach klasse reagiert und ich bin froh, dass ich endlich mal darüber reden konnte.
Jedoch läuft mir immer wieder eine Frage nach: ‚Aber du bist doch noch in ihn verliebt, oder?‘
Genau das war die Frage, die ich mir selbst nie gestellt habe. Eigentlich habe ich auch nicht damit gerechnet, dass ich mich mit diesem Thema in Bezug auf Aki auseinander setzen muss. Doch Lauri hat Recht, ich sollte unbedingt mal mit ihm reden.
Mir geht das einfach nicht aus dem Kopf. Ich habe gerade einem fremden Freak gestanden, dass ich in einen weniger fremden Freak verliebt bin. Einfach so... bin einfach meinem Gefühl und meinem Herzen gefolgt – und es fühlt sich richtig an! Nun kann ich nur noch hoffen, dass diese Erleuchtung nicht noch mehr Probleme mit sich bringt.
Ich bin so in Gedanken, dass ich glatt zu weit gelaufen sind. Ich stehe am falschen Ende meiner Straße und bin eigentlich zu müde, um den Berg wieder hochzulaufen. Die Bank gegenüber schaut mich so einladend an. ‚Nur ein paar Minuten ausrufen,‘ rechtfertige ich mich selbst und setze mich.
Die Beine von mir gestreckt, schaue ich in den Sternenhimmel. Es ist verdammt kalt für diese Jahreszeit, vielleicht hätte ich mir doch eine Jacke mitnehmen sollen. Frierend schlinge ich die Arme um meinen Körper.
Ein Ruck auf der Bank und Wärme strahlt von meiner linken Seite auf mich ab. Ich traue mich kaum, mich umzusehen. Wer auch immer jetzt neben mir sitzt, mir ist das unheimlich. Schnell überlege ich, was ich jetzt am Besten mache. Nach Hause gehen? Nein, diese Person könnte mir folgen...
„Anna?“ Jäh werde ich aus meinen Flucht-Gedanken gerissen. Mein Herz beginnt zu rasen.
„Was willst du hier?“ Klasse Anna, verjag ihn ruhig direkt wieder!
„Ich will mit dir reden... über das, was passiert ist und über uns.“
„Gibt es denn überhaupt ein ‚uns‘?“ In mir setzt sich die Achterbahn der Gefühle wieder in Bewegung. Ich schwanke zwischen Freunde, weil er da ist und Angst, dass er wieder geht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und - ich muss an Lauri denken – es kann ja nicht immer regnen! Er hat ja so recht, dieser Film passt zu allen Situationen.
Aki sitzt weiter reglos neben mir. „Ich hoffe doch. Und nach allem, was ich gehört habe, glaube ich sogar sehr daran.“
Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Aki nervös mit seinen Händen spielt. Mir geht es nicht anders und schlagartig ist die Kälte aus meinem Körper verschwunden. Ich kann es gar nicht fassen, dass Aki jetzt neben mir sitzt. Irgendwie scheint mir das hier sehr unwirklich... aber was hat er eben gesagt? Nach allem, was er gehört hat, glaubt er an ein ‚uns‘?
„Du glaubst an uns? Was hast du denn alles gehört? Und vor allem, von wem?“
„Können wir das nicht irgendwo in Ruhe besprechen?“ Aki sieht mich an, „ich möchte das nur ungern in der Öffentlichkeit tun.“
„Ach ja, stimmt. Du willst ja nicht mit mir gesehen werden...“

25. Kapitel
Meine Stimme klingt verbittert.
„Nein Anna, so ist das nicht!“ hastig widerspricht er mir, „ich möchte nur nicht hier so wichtige Dinge besprechen.“
Ich neige dazu, ihm zu glauben. Warum sollte er auch Angst davor haben, mit mir gesehen zu werden? Um diese Zeit ist hier eh niemand unterwegs und wenn doch, dass hat derjenige schon alle Lampen an...
„Okay, meinetwegen. Gehen wir zu mir...Aber noch so ein Spruch und ich spring dir mitm nackten Arsch ins Gesicht.“ Ich erhebe mich und mache ein paar Schritte den Berg hoch. Schon wieder ist mir kalt. Ich drehe mich um... „Kommst du?“
Schweigend laufen wir ein paar Minuten nebeneinander her. Langsam kann ich mein Zähneklappern nicht mehr unterdrücken.
„Ist dir kalt?“ So eine Frage kann doch auch nur von einem Mann kommen, oder?
„Nein, ich mach nur Kau-Übungen... natürlich ist mir kalt, was denkst du denn?“
Aki schweigt, doch wenige Augenblicke später merke ich seinen warmen Arm auf meinen Schultern. Mein Herz macht bei dieser Berühung Luftsprünge, doch allzu leicht will ich es ihm auch nicht machen. Darum gehe ich einfach weiter, als hätte ich nichts bemerkt.
Bei dem Versuch, meinen Schlüssel in der Tasche zu finden, wende ich mich ein Stück von ihm ab. Im Licht findet man die gesuchten Sachen doch gleich viel schneller.
Ich schließe auf und gehe ins Haus vor. Aki folgt mir zögerlich, schließt die Tür leise hinter sich.
„Was ist los mit dir? So sprachlos kenne ich dich ja gar nicht. Wolltest du nicht reden?“ Ich streife die Schuhe von meinen Füßen und lasse mich in den Sessel fallen.
„Meine Güte bin ich fertig,“ ich suche eine Uhr, „wie spät ist es eigentlich?“
„Halb zwei. Willst du schlafen gehen?“
„Wollen schon, aber du bist doch zum reden hergekommen, oder?“ Verdammt, ich sitze hier auf glühenden Kohlen und kann/will es ihm einfach nicht zeigen. Ich möchte einfach nicht den Anfang machen, dazu bin ich noch viel zu unschlüssig über das, was ich sagen könnte...
Aki schaut auf seine Füße und schweigt. So hatte ich mir das hier eigentlich nicht gedacht...
„Also? Willst du vielleicht erst mal was trinken?“ Ich erinnere mich also doch an meine Erziehung, „Cola, Wasser oder doch lieber ein Bier?“ rufe ich aus der Küche.
„Ein Bier wäre toll,“ kommt die Antwort.
Mit zwei Bier bewaffnet geht’s zurück ins Wohnzimmer. Jetzt kann ich mich wenigstens an der Flasche festhalten, wenn es unangenehm wird... Mit Erschrecken stelle ich fest, dass ich das in letzter Zeit eh zu häufig tue... Egal, ein Mal mehr macht den Kohl jetzt auch nicht fett...
„Also, worüber wollten wir reden?“ Ich setze mich wieder in den Sessel, brauche wenigstens körperlichen Abstand von Aki.
Aki trinkt aus seiner Flasche, seine Augen zucken nervös durch den Raum. Er hat ebenso Angst vor Blickkontakt wie ich, das beruhigt zumindest ein wenig.
„Naja...,“ er ringt nach Worten, dann atmet er tief durch und man kann seinen Kampf förmlich mit ansehen, „ich wollte mit dir über uns sprechen... ich meine über ein richtiges ‚uns‘...“
„Was ist denn ein richtiges oder ein falsches ‚uns‘?“ Ich hab Angst, dass ich mir falsche Hoffnungen mache. Nach meinem Gespräch mit Lauri wünsche ich mir nichts mehr, als dass wirklich wieder alles in Ordnung kommt, dass Aki auch etwas für mich empfindet und sich vor allem nicht mehr mit mir schämt. Doch was ist, wenn ich seine Worte falsch deute?
Aki rutscht auf dem Sofa ein Stück näher an meinen Sessel heran. Er beugt sich nach vorne, nimmt die Hände zwischen die Knie. „Anna, ich möchte, dass wir weiterhin Zeit miteinander verbringen...“
Mein Herz schlägt Purzelbäume, meine Hände sind klitschnass.
„... ich möchte dich weiterhin an meiner Seite haben, weil ich weiß, dass du ein liebenswerter Mensch bist.“
Das ist ein Traum, das muss ein Traum sein! Aki stößt mich nicht von sich, sondern hält mich fest. Seine Worte gehen runter wie Butter. Ich bin überglücklich, dass ich ihm so wichtig bin, dass er mir den Ausraster im Club verzeiht, dass er – so blöd es auch klingt – mein Wesen richtig einschätzt und mir noch eine Chance gibt.
Ich stelle die Bierflasche auf den Tisch, verstecken muss ich mich jetzt nicht mehr.
„Und wie bist du zu diesem Entschluss gekommen? Ich mein, es ist noch gar nicht so lange her, da wolltest du nicht mit mir gesehen werden...“
In seinem Kopf arbeitet es, dann kommt die Antwort. „Ich war eben doch im ‚Stiell’s‘ und hab das Gespräch zwischen Lauri und dir mitbekommen.“
Bitte was?! Er belauscht uns?
„Was hast du? Lauri hat mir gesagt, du wärst schon weg. Steckt ihr etwa unter einer Decke? War das nur ein Trick?“ Ich bin sauer. Es geht ihm also nicht um mich...
„Nein, du verstehst das falsch. Lauri hat damit nichts zu tun. Ich wollte wirklich gehen, bin jedoch noch einfach für kleine Drummer gewesen. Als ich dann zurück kam, hab ich dich bei Lauri sitzen sehen...“
„Und da dachtest du, dass du uns einfach mal aushorchst?“ Das wird ja immer schöner...
„Ich wußte doch, dass du nicht mit mir reden würdest und als dann noch mein Name gefallen ist, bin ich einfach neugierig geworden.“ Aki versucht verzweifelt zu erklären.
„Das ist doch kein Grund unser Gespräch zu belauschen! Wie wäre es zum Beispiel gewesen, wenn du einfach mal angerufen hättest. Oder du wärst vorbei gekommen oder hättest mich sonst irgendwie angesprochen, wenn dir die Klärung so wichtig gewesen ist...“ Ich bin nicht mehr zu bremsen, ich bin einfach nur sauer und enttäuscht.
Stille tritt ein, nur das Ticken von Akis Uhr ist leise zu hören.
Eine peinliche Stille, die sich keiner traut zu durchbrechen.
So hatte ich mir diesen Abend nun wirklich nicht vorgestellt.
Aki steht auf. „Ich glaube, ich gehe jetzt lieber.“
Ich nicke nur, möchte kein Wort mehr verlieren.
Aki bleibt erwartungsvoll vor mir stehen, doch als ich nicht reagiere, verlässt er den Raum.

26. Kapitel
Er ist weg. Mal wieder ist er weg und auch diesmal habe ich nicht versucht, ihn zurückzuhalten.
Er ist weg... diese Gedanke nimmt in meinem Kopf immer weiter Form an. Ich kann ihn doch nicht noch einmal gehen lassen, muss ihn unbedingt aufhalten.
„Aki!“ Ich springe auf und laufe ihm hinterher.
An der Haustür kann ich ihn gerade noch erwischen.
„Aki! Bitte geh nicht.“
Aki dreht sich um, sein bedrückter Gesichtsausdruck erhellt sich ein wenig.
„Aki, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anschreien. Ich möchte, dass du bleibst.“
Ich hoffe so sehr, dass ich an ihn herankomme, dass er mich jetzt nicht alleine lässt. Ich weiß, dass es diesmal endgültig ist, sobald die Tür hinter ihm zuschlägt.
Die Angst in mir wächst, als er noch immer nicht reagiert. Ich muss irgendwas machen, doch mein Kopf ist leer.
Akis Stimme holt mich zurück. „So kann das mit uns nicht weitergehen...“ Es ist fast nur ein Flüstern.
Ein leichtes Nicken von mir, dann fährt Aki fort. „... Anna, du musst dich entscheiden.“
Ich? Ich muss mich entscheiden? Ich habe meine Wahl doch schon getroffen. Und eigentlich müsste Aki meine Entscheidung kennen.
Ich gehe zaghaft einen Schritt auf ihn zu. Seine Augen verraten ihn, er möchte das Gleiche wie ich.
Sanft schlinge ich meine Arme um ihn. „Ich habe mich doch schon entschieden. Ich möchte dich bei mir haben.“
Mein Kopf liegt an seiner Schulter. Ich merke sein Lächeln und ein wahnsinnig großer Stein fällt von meinem Herzen, als auch Aki endlich seine Arme um mich legt. Er zieht mich ein Stück näher an sich heran.
Diesen Moment werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. All meine Sehnsüchte scheinen mit einem Mal befriedigt zu sein. In diesem Augenblick bin ich so dankbar dafür, dass Aki mein Gespräch mit Lauri belauscht hat. Sonst würden wir wahrscheinlich niemals hier stehen können...
Aki streicht mir leicht über den Rücken. „Lass uns von ganz vorne anfangen, okay?“
Ich möchte mich nicht bewegen, diesen Moment einfach nur genießen. Trotzdem hebe ich meinen Kopf, um Aki anzusehen. „Oh ja, das sollten wir. Anders haben wir wohl keine Chance.“
Ein Lächeln von Aki, dann herrscht erst mal Stille. Langsam komme ich ihm näher und unsere Lippen treffen sich zu einem sanften Kuss. Sein Geruch fängt mich ein, erinnert mich an den Abend unseres ersten gemeinsamen Auftritts – Lauris Party. Unweigerlich muss ich grinsen. Dieser Abend war einfach zu verrückt.
„Woran denkst du?“ Aki schaut mich ein wenig verwundert an.
„Kannst du dich noch an unseren ersten gemeinsamen Abend erinnern?“
Nun grinst auch Aki. „Oh ja, besonders an das Ende kann ich mich gut erinnern.“
Wieder küsst er mich, diesmal länger und intensiver. Mein Bauch gleicht einem ganzen Schwarm von Schmetterlingen, ich genieße jede Sekunde. Habe mich zu lange nach diesem Gefühl gesehnt und möchte jetzt keinen Augenblick davon verpassen.
Aki schiebt mich ein wenig von sich weg. Was soll das denn jetzt?!
Er scheint in meinen Augen lesen zu können, lacht leise. „Ich will doch nur die Tür schließen. Schließlich bin ich lieber mit dir unter vier Augen...“ Wieder küsst er mich.
„Aber vielleicht sollten wir trotzdem nicht hier im Flur rumstehen.“
„Und was hat der Herr vor?“ Ich ahne es, sein Grinsen als ich Lauris Party erwähnte, hat ihn verraten.
„Naja, du wirst hier ja wohl irgendwie ein gemütliches Schlafzimmer haben, oder...?“

27. Kapitel
Ein Geräusch reißt mich aus meinen Träumen. Nur ungern löse ich mich aus diesem Dämmerzustand und wache langsam auf. Ich schlage die Augen auf und neben mir liegt Aki. Vorsichtig strecke ich eine Hand aus, berühre leicht seinen Arm.
Ein leises Grunzen zeigt mir, dass er noch geschlafen hat und jetzt auch aufwacht. Dann kann ich meine Hand da auch liegen lassen.
„Hey, Süße,“ ein verschlafenes Gesicht schaut mich an, dann wendet es sich wieder ab und schaut auf die Uhr. „Sag mal, wolltest du mich aus einem bestimmten Grund wecken oder einfach nur ärgern? Wir haben gerade mal halb sieben.“
„Ich wollte einfach nur sicher gehen, dass du wirklich hier bist und es kein Traum ist.“
Für dieses Lächeln könnte ich sterben. Aki dreht sich komplett zu mir um und zieht mich an sich. „Ach Süße, wie oft hab ich mir vorgestellt, neben dir aufzuwachen.“
Ich kuschle mich an ihn. „Das können wir ja zur Gewohnheit werden lassen.“
Unser Kuss wird ja von einem komischen Geräusch gestört. Aki will sich von mir lösen, doch ich halte ihn fest. „Hör einfach nicht hin,“ sage ich und küsse ihn weiter. Doch das Geräusch will nicht verstummen.
Seufzend richte ich mich auf und entdecke den Übeltäter neben dem Bett. Mein böser Blick verschreckt es nicht, das Handy bimmelt fröhlich weiter.
Mit einer Hand greife ich danach und lasse mich wieder in die Kissen fallen. Genervt hebe ich ab. „Hallo!“
„Anna?“ Oh, ich scheine den Anrufer verschreckt zu haben.
„Lauri?“
„Ja. Hab ich dich geweckt?“
Diese Frage kann einfach nicht ernst gemeint sein.
„Lauri, hast du mal aufn Tacho geguckt? Natürlich hast du uns geweckt.“
Ich höre ein leises Lachen an anderen Ende. „Schön. Dann scheint bei euch ja wenigstens alles in Ordnung zu sein.“
Wieder klingt seine Stimme traurig und macht mich stutzig.
„Was ist los?“
Ich schaue zu Aki hoch, doch der zuckt auch nur mit den Schultern.
„Anna, können wir uns treffen?“
„Hm, wann denn?“ Bei dem Gedanken, dieses warme Bett zu verlassen, wird mir ganz anders.
„So schnell es geht. Ich ruf ja nicht aus Spaß um diese Zeit an. Bitte Anna.“
„Okay, aber nicht jetzt! Gib mir wenigstens noch ne Stunde zum schlafen.“
„Meinetwegen, schlaf für mich mit.“ Lauri seufzt.
„Was soll das denn nun schon wieder heißen?“ Langsam wird mir das zu bunt.
„Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen und brauchte jetzt dringend jemandem zum Reden. Meld dich dann bitte, wenn du soweit bist, ja?“
Er klingt wirklich verzweifelt. Ich seufze. „Okay, mach ich. Bis später.“
Ich lege das Handy wieder neben das Bett und krabble zurück in Akis Arme.
„Was wollte er?“
„Ich hab keine Ahnung. Er will mit mir über irgend etwas sprechen.“
„Wenn er um diese Uhrzeit anruft, muss es wirklich dringend sein. Normalerweise geht er jetzt erst ins Bett.“
„Da war er die ganze Nacht nicht. Ich geh gleich mit ihm einen Kaffee trinken, okay?“ Aki küsst mich leicht und ein wohliges Gefühl breitet sich in mir aus. „Mach das.“
Mein Kopf liegt so gemütlich in Akis Armbeuge, ein Arm über seinem Bauch. Mit seiner rechten Hand streicht er mir leicht durchs Haar, ich höre seinen Herzschlag. Dieses wunderbar geborgene Gefühl lässt mich schläfrig werden. Doch ich möchte um nichts in der Welt einschlafen, keine Sekunde verpassen...

28. Kapitel
Mit einem Ruck landet mein Kopf auf der Matratze. Missmutig öffne ich die Augen und schaue zu Aki. „Hey!“
„Sorry Süße, aber mein Arm ist eingeschlafen,“ ein entschuldigendes Grinsen, „und außerdem muss ich mal.“
Grinsend schnappe ich mir ein Kissen und mache es mir wieder gemütlich. Ich möchte heute einfach nicht aufstehen, alles ist so perfekt.
Aber irgendwas war doch noch... mir fällt es beim besten Willen nicht ein.
„Sag mal, wolltest du dich nicht noch bei Lauri melden?“ Scheiße, das war es!
Mühsam drehe ich mich zu Aki um. Er sieht so verdammt gut aus, wie er da in Boxershorts in der Tür steht.
„Verdammt, das habe ich ja vergessen.“
„Das dachte ich mir schon. Ich mach mich mal eben fertig, okay?“ Und schon ist er verschwunden.
Nun muss ich wohl oder übel aufstehen. Murrend schlage ich die Decke zurück und halte die Beine aus dem Bett. Eigentlich viel zu kalt, aber was soll ich machen?
Schnell Socken und Shirt übergezogen und ab in die Küche. Gerade greife ich zum Schrank, als mir einfällt, dass doch kein Kaffee im Haus ist.
„So eine Scheiße,“ fluche ich vor mich hin. Hätte ich gestern nicht vor Kyllikki flüchten müssen, könnten wir jetzt wenigstens frühstücken, aber so...
„Was ist denn los?“ Aki steht hinter mir, schlingt die Arme um mich.
Ich halte ihm die leere Dose unter die Nase. „Nada.“
„Na, dann müssen wir halt bei mir frühstücken,“ er streicht sich über sein Kinn, „rasieren müsste ich mich auch. Hab ja schließlich nicht damit gerechnet, dass ich heute nacht nicht zu Hause schlafe.“
„Jetzt tu auch noch so, als ob du es bereuen würdest,“ ich knuffe ihn in die Seite. Doch so locker bin ich momentan innerlich nicht. Die letzte Nacht und die Tatsache, dass Aki nun bei mir ist, ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Ich habe Angst, dass sich das alles wieder ändert und ich dann wieder alleine bin.
Doch sein Kuss nimmt mir alle Sorgen. „Ich hätte die Nacht nirgendwo anders lieber verbracht.“
„Genau das wollte ich hören,“ ich umarme ihn kurz, dann mache ich mich auf den Weg ins Bad. „Ich bin in ein paar Minuten wieder bei dir,“ rufe ich runter.
In Windeseile wasche ich mich, ziehe wahllos Klamotten aus dem Schrank (ist ja eh alles schwarz) und schnappe mir mein Handy. Auf dem Weg zu Aki kann ich Lauri ja immer noch anrufen.
„Fäääääääärtig.“ Ich stürme nach unten, doch sowohl die Küche als auch Wohnzimmer sind leer. Ein dumpfes Gefühl macht sich in mir breit. Ist er jetzt gegangen?
Doch dann sehe ich Rauch auf dem Balkon. ‚Anna, wenn das so weiter geht, kommst du bald in die Klappse,’ ich bin einfach zu unsicher.
„Das ging aber schnell.“
Ich trete zu Aki auf den Balkon. „Klar doch. Da soll noch mal einer sagen, Frauen brauchen immer so ewig im Bad.“ Den Kopf an seiner Schulter schaue ich flehend auf die Zigarette.
Ein Grinsen, dann lässt er mich ziehen. „Hast du keine mehr?“
„Doch klar,“ ich schaue ihn an, „aber als Rockstar kannst du dir eher Neue leisten als ich. Also rauch ich bei dir mit. Du solltest aber vielleicht die Marke wechseln, ich mag doch keine Lucky.“
Aki bricht in Gelächter aus. „Jetzt weiß ich, warum ich mich in dich verliebt habe.“ Ich lasse mich umarmen.
„Und warum?“ will ich wissen.
„Naja, weil du einfach toll bist.“
Wie kann ein Mensch nur so wunderbar küssen?! Naja, ist aber eigentlich auch egal, solange er nur mich küsst.
Und wie sollte es auch anders sein, das Handy in meiner Hand beginnt zu klingeln. Eigentlich habe ich sofort ein schlechtes Gewissen, denn das kann eigentlich nur einer sein...

29. Kapitel
„Hallo!“
„Anna, wo zum Teufel steckst du?“ Meine Mutter, mit der habe ich ja nun überhaupt nicht gerechnet.
„Ich bin zu Hause, wo soll ich sonst sein?“
„Werd ja nicht frech. Ich hab dort schon versucht und dich nicht erreicht...“
„Mam, ich hab mich gerade angezogen, da hab ich wohl nicht gehört,“ ich rolle mit den Augen. Es ist einem auch kein Moment Ruhe gegönnt!
Aki drückt mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich zieh mich schon mal an,“ flüstert er.
Warum wundert mich nicht, dass meine Mutter selbst das leisteste Geräusch mitbekommt?
„Anna, ist jemand bei dir?“ Die Stimme hört sich drohend an.
„Natürlich Mam, ich hab gestern eine wilde Orgie hier gefeiert und nun muss ich die Leute erstmal aus meinem Schlafzimmer vertreiben,“ das musste jetzt einfach mal sein. Ich bin 20, darf ich da keinen Freund haben?
„Wie du merkst, habe ich zu tun. Ich meld mich, Mam.“ Mit diesem Worte lege ich auf und atme erst einmal tief durch. Diese verdammte Kontrolle! Mich wundert, dass ich nicht noch mit der Familie in Urlaub fahren muss, damit sie mich überwachen können.
„Du geht’s aber hart mit deiner Mutter um,“ Aki steht fertig an der Tür und spielt mit seinem Schlüssel in der Hand.
Ich weiche aus. „Sie hat es verdient. Wollen wir nun los?“
Aki merkt, dass mir dieses Thema unangenehm ist und lässt es Gott sei Dank auf sich beruhen. „Ich bin startklar. Hast du Lauri schon angerufen?“
Mein flache Hand schnellt Richtung Stirn. „Verdammt, nein. Aber das mach ich jetzt sofort.“
Schnell suche ich Lauris Nummer raus und lasse es klingeln. Es dauert keine fünf Sekunden, als ein gehetztes „Hallo?“ zu hören ist. Scheinbar hat Lauri nur auf meinen Anruf gewartet.
„Hey Lauri, Anna hier. Wo hab ich dich denn jetzt hergeholt?“
„Anna,“ seine Stimme klingt erfreut, „ich hab am Fenster gesessen und raus geschaut.“
Verdammt, der Kleine ist ja wirklich verzweifelt. Garantiert hat er am Fenster Ausschau nach Kyllikki gehalten. Aber das muss ich ihm ja jetzt nicht so unter die Nase reiben.
„Ich wollte eigentlich auch nur Bescheid geben, dass wir jetzt auf dem Weg zu Aki sind. Ich muss unbedingt frühstücken und hier im Haus ist leider nichts.“
Ein verhaltenes Lachen kommt vom anderen Ende der Leitung. „Hm.“
„Was ist hm?“
„Naja, ich dachte, wir wollten uns noch treffen?“
Ich denke kurz nach, Frühstücken mit Aki oder Probleme mit Lauri? Die eine Möglichkeit ist natürlich verlockender, aber die andere ist wahrscheinlich wichtiger.
Aki sieht mich fragen an. Ich halte mit einer Hand die Sprechmuschel zu. „Lauri dauert das zu lange, wenn wir erst noch frühstücken.“
„Dann triff dich jetzt mit ihm und wir essen danach gemütlich was zusammen,“ Aki spricht ebenso leise.
„Echt?“
„Natürlich, Süße. Wenn Lauri schon so früh am Morgen anruft, scheint es wirklich dringend zu sein.“ Was habe ich doch für einen tollen und verständnisvollen Freund!!!! Er bekommt zum Dank einen Kuss von mir.
„Lauri? Wenn du ein Frühstück springen lässt, können wir uns sofort treffen...“
„Anna, du bist die Beste. Soll ich dich abholen?“
„Du mich abholen?“
Aki gestikuliert wild und deutet mir ein ‚Nein‘ an.
„Ach weißt du Lauri, wir treffen uns am besten direkt im Café. Also in 15 Minuten im ‚Venezia‘?“
Lauri stimmt zu und ich lege auf.
„Sag mal, was waren das denn eben für Verrenkungen?“ Ich bin belustigt.
„Willst du wirklich von einem Fahrrad abgeholt werden?“
„Ach ja, ich vergaß. Der Kleine hat ja noch keinen Führerschein.“
Ich begleite Aki zur Türe, muss nun leider in die andere Richtung. Wie gerne würde ich den Tag jetzt mit ihm verbringen, doch der nun folgende Kuss hilft erst mal über die nächsten Stunden hinweg.

30. Kapitel
Lauri lässt sich wirklich nicht lumpen und hat die freie Auswahl am Frühstücksbuffett geordert. Wenn das mal keine Wiedergutmachung für einen Aki-losen Tag ist!
„Puh, ich kann wirklich nicht mehr,“ Seufzend, aber noch kauend lasse ich mich gegen die Lehne meines Sitzes fallen und streiche über meinen Bauch, „ich glaub wirklich, ich platze gleich.“
Lauri lacht und nippt wieder an seinem Kaffee. „Das habe ich schon nach deinem dritten Teller gedacht. Wo steckst du denn das ganze Essen hin?!“ Er greift nach den Zigaretten und zündet uns beiden eine an.
„Dummerweise in die Hüften,“ muss ich bitter feststellen und nehme genüsslich einen Zug, doch dann verziehe ich das Gesicht. „Bäh, was ist das denn für ein Kraut?“
Ich halte ihm die Kippe wieder hin. Lauri nimmt sie beleidigt zurück und drückt sie aus.
„Du verschmähst so ein gutes Zeug?! Das sind Mint- Zigaretten. Bessere gibt es gar nicht.“
Ich ziehe nur eine Augenbrauche hoch, während ich meine eigenen Zigaretten aus der Tasche krame und eine anzünde.
„So muss ne Fluppe schmecken,“ ich puste den Rauch aus.
„Aber nun mal Butter bei die Fische, warum wolltest du mit mir reden?“
„Kyllikki,“ Lauri macht eine Pause und zieht an seiner Zigarette, „sie ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen.“
Er tut mir richtig leid, wie er da so traurig auf seinem Stuhl sitzt und sich nicht traut, mich anzusehen.
„Aber du wusstest doch, was sie vorhat,“ ich will ja nicht rücksichtslos klingen, doch die Wahrheit liegt ja auf der Hand.
Ein verzweifelter Seufzer von meinem Gegenüber. „Ich weiß es doch auch. Aber ich... ich wollte einfach bisher nicht wahrhaben, dass sie so einfach wieder geht.“
„Sorry Lauri, aber hast du Tinte gesoffen? Was meinst du denn, wie eine Beziehung mit Kyllikki hätte funktionieren sollen?“
„Was meinst du? Bisher hat es doch auch geklappt!“ Lauri will es nicht einsehen.
„Du hast mir doch selbst erzählt, dass sie nur ein Groupie ist, oder?“ Lauri nickt kleinlaut.
Sorry, Kleiner. Aber das war doch abzusehen...“
Eigentlich bin ich sonst einfühlsamer, aber diesmal kann ich keine tröstenden Worte finden. Lauri trinkt schweigend seinen Kaffee, zündet sich schon wieder eine Zigarette an.
„Lauri, es tut mir leid, dass ich das so sage,“ ich versuche mich für meinen harten Ausdruck zu entschuldigen.
„Nein, schon gut. Du hast ja recht. Aber weißt du, ich hab mich so an sie gewöhnt. Sie war immer da, wenn ich wollte und ... na ja, irgendwie ist es komisch, das jetzt einzusehen. Aber du hast wohl recht.“
Ich strecke meine Hand aus, drücke Lauris einmal. Er schaut kurz auf und dann erscheint so etwas wie ein Lächeln.
„Jetzt muss ich wohl die Frage stellen: Bist du denn in sie verliebt?“
Lauri lacht kurz auf. „Woher kenne ich das nur?“ Doch sofort wird er wieder ernst.
„Aber ich weiß nicht, ob ich in sie verliebt bin. Ich kann es dir beim besten Willen nicht sagen.“ Und schon wieder dieses Seufzen. Ich weiß nun wirklich nicht, was ich machen soll, schließlich kenne ich Lauri kaum. Auf der anderen Seite fühle ich mich geehrt, dass er dann mit mir über solche Dinge spricht.
„Ach Anna, was mache ich denn jetzt?“ Lauri scheint wirklich verzweifelt zu sein.
Ich bin einen Moment abgelenkt. Dort hinten habe ich Katja entdeckt, die Kellnerin und winke sie her! „Katja!“
Sie kommt auf uns zu, scheint heute nicht arbeiten zu müssen.
„Hey Anna,“ sie nickt Lauri kurz zu, „ wo hast du dich denn gestern rumgetrieben?“
„Ach weißt du, ich war mit einer Bekannten im ‚Stiell’s‘. Sie wollte mir ihren neuen Freund vorstellen. Wieso fragst du?“
„Ich wollte dich gestern Abend auf einen Drink abholen.“
Ein Hupfen ertönt und Katja dreht sich um.
„Sorry, da ist Thore. Ich muss los. Lass uns die Tage einen Kaffee trinken gehen.“ Noch ein Lächeln in die Runde und schon ist sie wieder weg.
„Also,“ ich wende mich wieder Lauri zu, „wo waren wir?“
„Kyllikki,“ antwortet er wortkarg.
„Ach ja, und du willst wirklich meinen Rat hören?“
Er nickt.
„Trenn dich entgültig von ihr und such dir jemand, mit dem du eine richtige Beziehung führen kannst.“
„Und wie stellst du dir das vor? Du weißt aber schon, dass ich ein Rockstar bin und mich die Mädels vielleicht nur deshalb mögen?“
„Mein Gott, Lauri. Das ist ja das Dümmste, was ich je gehört habe. Natürlich wird es Menschen geben, die nur den Star in die sehen. Aber es gibt sicherlich auch Mädels, die DICH kennen lernen wollen...“
Endlich hebt Lauri seinen Blick und schaut mich aufmerksam an.
„Und was soll ich Kyllikki sagen?“
Muss ich ihm denn wirklich jedes Wort in den Mund legen?!
„Wie wär’s mit ‚Kyllikki, es ist vorbei.’?“
„Du machst die Sache zu einfach...“ Lauri versucht zu widersprechen, doch das lasse ich nicht zu.
„Lauri, entweder du willst eine vernünftige Beziehung oder du willst Kyllikki. Die Sache ist nun mal so einfach!“
Langsam scheint sein Widerstand zu bröckeln.
„Okay okay, du hast ja Recht.“
Ha, nun ist er soweit!
„Habe ich das nicht immer?“ ein triumphierendes Grinsen kommt von mir.
„Anna, du bist unmöglich,“ lacht nun auch Lauri.
„Und nun zum nächsten Punkt, es muss doch ein Mädchen geben, was dir gefällt..“
Lauris Augen blitzen auf, er schaut mich eindringlich an, „Stimmt, da wäre jemand...“

31. Kapitel
„Nun schau nicht so entsetzt, dich mein ich doch gar nicht.“ Bilde ich mir das nur ein oder lacht Lauri diesmal mich aus?
„Dann starr du mich halt nicht so an! Aber wer soll es denn nun sein?“ Jetzt bin ich neugierig geworden.
Lauri grinst vermeintlich geheimnisvoll. „Na deine kleine Freundin von eben!“
„Katja?“ Meine Kinnlade knallt gerade auf den Boden, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!
„Aber....“ da fehlen mir doch glatt die Worte, „aber sie hat doch einen Freund!“
„Das ist ein Grund, aber kein Hindernis!“ Lauri tut überlegen.
„Ich warne dich, Lauri,“ ich weiß auf einmal genau, was ich sagen will, „lass die Finger von Katja. Sie ist mit Thore glücklich und wenn du auch nur das kleinste bisschen dagegen unternimmst, bring ich dich um!“
Lauri hebt beschwichtigend die Hände. „Reg dich wieder ab, ich mach ja schon nichts.“
„Gut,“ beruhigt lehne ich mich wieder zurück und stecke mir eine neue Zigarette an.
Und wie sollte es auch anders sein, wenn man seine Ruhe haben will, schellt irgendwo ein Handy.
St. Anger von Metallica als Klingelton, da scheint aber jemand einen guten Musikgeschmack zu haben!
Ich traue meinen Augen und Ohren kaum, als Lauri an sein Handy geht und die Musik verstummt. Naja, aber nachdem ich ihn im ‚Stiell’s‘ getroffen habe, sollte ich mich daran gewöhnen, dass er doch einen besseren Geschmack hat, als ich dachte.
Ich frage mich gerade, ob das wohl Kyllikki ist, als ich das Handy auch schon unter die Nase gehalten bekomme.
„So viel zum Thema richtige Beziehung,“ sagt Lauri mit einem Schmunzeln, „und warum ruft Aki dann bitte bei mir an, wenn er dich sprechen will?“
„Vielleicht will er dir nur den Tipp geben, mich endlich zu ihm zu lassen,“ winde ich mich aus der Affäre und kneife Lauri scherzhaft in seine Hamsterbäckchen.
„Hallo Aki,“ melde ich mich dann.
„Hey Süße, wollte eigentlich nur mal hören, wie lang das wohl noch mit euch dauert?“
Ich schaue auf die Uhr.
„Ich behaupte jetzt einfach mal, dass ich innerhalb der nächsten Stunde bei dir eintrudeln werde.“
„Fein, das sind ja mal gute Nachrichten. Ich wohne Laivurinkatu 5. Weißt du, wo das ist?“
Ich nicke, doch dann fällt mir auf, dass ich ja mit Aki telefoniere. „Klar weiß ich das.“
„Sehr schön. Dann sehen wir uns ja gleich. Ach Anna? Du hast dich eben wunderbar rausgeredet.“
Ich kann förmlich hören, dass Aki gerade rund ums Gesicht grinst.
„Ich bin ein Genie, nicht wahr? Also dann, bis später Aki!“
Ich lege auf und gebe Lauri sein Handy zurück.
„Was war das denn jetzt bitte?“ Lauri schaut mich verwundert an.
„Das war mein Freund, der Sehnsucht nach mir hat und mich heute gerne noch sehen würde.“
Wie sich das anhört: „mein Freund“ – daran kann man sich echt gewöhnen!
Lauris Ausdruck versteinert sich. „Danke, genau so einen Spruch habe ich jetzt gebraucht.“
Jetzt erst wird mir die Bedeutung meiner Aussage bewusst. Unpassender hätte der Augenblick wirklich nicht sein können...
„Scheiße, Lauri. So habe ich das nicht gemeint, es ist nur...“
Er lächelt wieder. „Ist schon gut. Ich weiß ja, wie du es gemeint hast. Wenn du magst, können wir los.“ Als ich nicke, winkt er nach der Bedienung und zahlt – zusammen natürlich!
Vor dem Café wendet sich Lauri mir zu. „Anna, ich danke dir.“
Oh je, nun wird es unangenehm. Ich mag solche Reden nicht und bekomme immer gleich rote Ohren.
„Ach Lauri, das ist doch selbstverständlich. Du hast dir ja auch letzte Nacht meine Probleme angehört.“
Ich gehe einen Schritt auf ihn zu und umarme ihn zögerlich. Lauri erwidert es.
„Ich muss dann jetzt mal los,“ er schwingt sich auf sein Rad, „und danke für deinen Rat.“
Er winkt noch kurz, dann ist er auch schon um die nächste Ecke verschwunden.

32. Kapitel
[eine Woche später]
„Aggüüüüüüü, kannst du mir mal die Luftschlangen bringen?!“
„Warum schreist du mich eigentlich so an?“ Jetzt wäre ich doch beinahe vor Schreck von der Leiter gefallen.
„Verdammt, du kannst doch nicht einfach unter mir stehen und mich ansprechen!“
Grinsend reicht er mir die gewünschten Objekte.
„Wann kommen eigentlich die ersten Gäste?“
„Ich hab Katja gesagt, dass sie gegen 20.00 Uhr hier sein soll. Ist ja schließlich ihre Geburtstagsparty und dann soll sie die Leute auch begrüßen.“
„Und warum gibt sie die Party nicht bei sich?“
Ich steige von der Leiter runter und betrachte mein Werk. Die Girlanden hängen kunstvoll an der Decke, verteilen sich über die Lampen und machen einfach ein lustiges Bild. Meine Eltern würden Amok laufen, wenn sie von den Pins in der guten Holzdecke wüssten.
„Ach Aki, das weißt du doch. Katja hat sich mit Thore gestritten und wollte nun gar nicht feiern. Aber ich kann ihren Geburtstag doch nicht so einfach übergehen, sie ist schließlich eine gute Freundin von mir – wenn nicht sogar die Beste!“
Aki kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm. „Und du bist einfach zu gut für diese Welt.“
So was hört man doch immer gerne. Ich lege meine Arme um seinen Hals und will ihn küssen. Doch dann sehe ich die Uhr und ich zucke zurück.
„Mist verdammter, wir haben schon halb acht und ich muss mich noch fertig machen...“
Ich sammle hastig die übrigen Luftballons und Girlanden ein, doch Aki hält mich am Arm fest.
„Lass liegen, Süße. Ich räum das schon weg.“
Schnell drücke ihm einen Kuss auf. „Du bist der Beste.“
Genauso schnell stand ich im Bad auch schon vor dem Spiegel. Mein Haar war ganz zerzaust von den Vorbereitungen und schrie förmlich nach Pflege. Doch die Zeit hatte ich nicht mehr. Also nur schnell durchkämmen und dem nächsten Teil widmen – Make up. Meine übliche Prozedur nahm nur wenige Minuten in Anspruch und es sieht gut aus – ich bin halt ein Held!
Pünktlich zum ersten Türklingeln war ich wieder unten. Nichts erinnerte mehr daran, dass vor ein paar Minuten die Vorarbeiten in vollem Gange waren.
Katja war gekommen, wir umarmen uns. „Ach Anna, ich freu mich so, dass du das für mich tust.“
„Katja, das mache ich doch gerne. Ich wünsch dir Alles Gute zum Geburtstag!“
Als wir uns voneinander lösen, fällt mein Blick auf ihre Begleitung.
„Lauri?“
„Ich freu mich auch, dich zu sehen, Anna.“
Er drückt mich kurz, stellt sich dann zu Aki.
„Wie kommt es denn zu dieser Überraschung?“ will ich wissen.
„Naja,“ Lauri grinst schüchtern, „irgendwie müssen sich die Stunden im Café ja auszahlen.“
„Die Stunden im Café?“ Ich blicke hilfesuchend zu Aki, dann wieder zu Katja und Lauri.
„Lauri hat mich die letzte Woche jeden Tag im Café besucht. Wir haben uns halt gut verstanden und beschlossen, heute Abend zusammen hier ein bischen Spaß zu haben,“ Katja grinst.
Ich nehme sie mir zur Seite. „Und was sagt Thore dazu? Oder ist Lauri der Grund, warum ihr euch gestritten habt?“
„Anna, mach doch bitte nicht so ein Welle deswegen! Lass uns einfach den Abend genießen, ja?“
Ich gebe mich geschlagen, das ist ja schließlich ihre Party. Wir gehen zurück zu den Jungs und begrüßen die neu eingetroffenen Gäste.
Aki legt einen Arm um meine Hüfte. „Mach dir keinen Kopf, Süße. Sie wird schon wissen, was sie macht.“
„Das hoffe ich,“ entgegne ich ebenso leise, doch so recht kann ich es selbst nicht glauben. Mir kommt das alles ein wenig merkwürdig vor. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als mich mit dem Lauf der Dinge abzufinden.

33. Kapitel
„Lasst mich durch!“
Ein Keifen stört die lustige Atmosphäre der Party. Bisher ist alles super gelaufen und Katja und Lauri haben sich wie normale Freunde verhalten. Mit der Zeit ist mein Misstrauen verblasst, ich stehe nun mit Aki, Ines und Björn an der Balkontür und beobachte das lustige Spektakel um uns herum.
Wieder ertönt dieses Geräusch, diesmal lauter.
„Anna!“ Das Keifen namens Kyllikki steht neben mir und spricht mich auch noch an, „Was ist hier los?“
Ich zucke nur mit den Schultern. „Ne Geburtstagsparty, warum?“
„Ist Lauri auch hier?“
Klasse, ich mag es, wenn meine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet wird! Jetzt weiß ich wieder, warum ich sie eigentlich nicht ausstehen kann.
„Du, den hab ich schon ewig nicht mehr gesehen. Wenn du schon ungebeten hier auftauchst, du mit wenigstens den Gefallen und schrei nicht so rum.“
Wutentbrannt macht Kyllikki auf ihrem für meine Begriffe viel zu flachen Ansatz kehrt und verschwindet wieder in der Menge.
Ich drehe mich zu Aki um. „Was für eine blöde Kuh!“
Er nickt nur. „Hast du ja schon immer gesagt. Aber die wird sich auch schon wieder beruhigen. Vielleicht ist sie ja schon längst wieder gegangen.“
Ich schaue an ihm vorbei, als ich eine Bewegung auf der Treppe erkennen kann. Automatisch greife ich nach Akis Arm und kralle mich fest. Wortlos deute ich auf Katja und Lauri, die kichernd die letzten Stufen der Treffen erklimmen.
„Das gibt’s ja nicht!“ Ich kann nur noch flüstern. Als ob ich es nicht geahnt hätte... ich weiß nicht warum, aber ich finde diese Entwicklung nicht besonders gut. Doch ändern kann ich es nun eh nicht mehr und die beiden müssen wissen, was sie tun.
Aki drückt meine Hand, es scheint, als könne er meine Gedanken erkennen. „Lass uns tanzen gehen und beten, dass Kyllikki nicht mehr hier ist.“
Wie recht er doch hat. Auf eine Szene zwischen ihr und Lauri kann ich heute abend wirklich verzichten. Ich lasse mich von Aki auf die Tanzfläche ziehen und die Party geht auch für mich weiter!
Etwa eine Stunde später lasse ich mich völlig ausgepowert auf dem Sessel nieder.
„Trinken,“ ist das einzige, was ich noch sagen kann. Gehorsam, wie ein Freund zu sein hat, bekomme ich keine Minute später ein Glas von Aki in die Hand gedrückt.
In einem Zug trinke ich es aus und schüttel mich. „Was zum Teufel ist das?“
Aki grinst. „Caipirinha, was anderes habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.“
„Bäh,“ ich schüttle mich wieder, „darauf brauch ich erstmal eine Zigarette.“
„Ich würd dir ja meine anbieten, aber die magst du ja nicht,“ Aki wird gehässig. Aber weil er dabei so süß ist, bekommt er erstmal einen Kuss von mir.
„Ach, was seid ihr bezaubernd,“ verdammt, die Stimme ist ja noch immer da. Ich wende meinen Blick nicht von Aki, während ich antworte.
„Nicht wahr? Es ist schon was schönes, wenn man auf ner Party jemanden zum Knutschen hat.“ Diesen Plan setze ich auch in die Tat um.
Doch ein Räuspern stört schon wieder. „Anna, hilf mir suchen!“
Kyllikki ist wirklich zu penetrant für meine Nerven und bringt mich in Rage.
„Und was soll ich suchen? Ein kleines, schwarzes Wesen vielleicht?! Eins, was ein bisschen seltsam ist?“
Aki zwickt mich, die Gefahr ist zu groß, dass ich Lauri und Katja in meiner Wut verrate.
„Du bist seltsam,“ Kyllikki runzelt die Stirn. „Ich werde schon herausfinden, wo er sich rumtreibt. Mit oder ohne dich!“
Ich reagiere zu langsam, denn schon ist sie auf dem Weg zur Treppe. Oh Gott nein!
Mit einem Satz bin ich hinter ihr.
„Kyllikki, was willst du hier oben?“
„Ich suche Lauri, ich weiß, dass er hier ist!“ Bestimmt geht sie weiter.
Verdammt, genau auf mein Zimmer zu...!
„Kyllikki, vielleicht...“ jetzt muss es schnell gehen... „vielleicht ist er ja auch schon wieder auf dem Weg heim. Ich hab ihn schon länger nicht mehr gesehen!“
Diese Lüge kauft selbst Mrs. Schnittlauch persönlich mir nicht ab – nun habe ich nur noch eine Möglichkeit!
Ich überhole schnell und stelle mich mit ausgebreiteten Armen und Beinen vor meine Schlafzimmertür. Jetzt hilft nur noch beten!

34. Kapitel
Alle Überredungskünste und alles Betteln bringt nichts, Kyllikki zerrt an mir, um sich den Weg frei zu machen. Nach meinem nicht unerheblichen Alkoholeinfluss am heutigen Abend wird mein Widerstand nicht mehr lange anhalten.
„Kyllikki, nein!“ Ich brülle hoffentlich laut genug, dass Lauri es hört und leise genug, die Party- Gäste nicht auf unser kleines Spielchen aufmerksam zu machen.
Doch da ist es schon passiert. Mit aller Kraft schiebt sie mich beiseite und ich kann nur noch aufgeben.
Meine Zimmertür fliegt auf und Kyllikki bleibt regungslos im Tührrahmen stehen. Eigentlich will ich dieses Bild gar nicht ansehen, doch ich schiele ins Zimmer.
Lauri und Katja versuchen notdürftig, ihre nackte Haut mit meiner Decke zu verbergen. Es herrscht eine explosive Spannung. Keiner traut sich, auch nur ein Wort zu sagen.
Ich merke, wie Kyllikki nach Fassung ringt. Eigentlich könnte man ja jetzt schon fast Mitleid bekommen, aber ich kenne ja den Hintergrund der „Beziehung“. Das alles hier ist echt wie in einem schlechten Film!
„Das wirst du büßen,“ zischt Kyllikki Lauri zu und verschwindet. Man hört nur noch das Poltern auf der Treppe, dann legt sich eine Hand auf meine Schulter.
„Was zum...“ Aki verstummt, „oh!“
Ich kann nur fassungslos mit dem Kopf schütteln. „Mensch, Lauri.“
Doch dieser ist mit einem Satz auf den Beinen und durchsucht die zerstreuten Klamotten auf dem Boden. Die Decke hat er dabei großzügig Katja überlassen, die sich weiter darin einwickelt, bevor sie sich auch rührt.
Lauri scheint gefunden zu haben, was er sucht und schlüpft in sein T-Shirt und... Meine Augen weiten sich. Alles hätte ich erwartet, wirklich alles... ich wäre sogar mit Simpsons-Boxershorts einverstanden gewesen, aber DAS?!
„Schiesser Feinripp?“
Das schockt mich noch mehr als der Anblick eben. Ich bekomme meinen Mund schon gar nicht mehr zu.
Als Katja meinen Gesichtsausdruck bemerkt, bricht auch sie in lautes Lachen aus.
„Anna, Süße! Genau so habe ich eben auch geguckt...“
Ich kann nicht mehr, muss mich an Aki festhalten, um nicht vornüber zu fallen.
„Mädels, lacht ein anderes Mal darüber,“ Lauri ist gereizt, „ich muss Kyllikki finden und ich will, dass du mitkommst.“ Er zeigt auf mich.
„Ich?! Warum ausgerechnet ich?“
„Weil du gerade angezogen bist und außerdem scheint sie dich zu mögen, also hoppi hoppi!“
Bei dem Kommando kann man ja gar nicht widersprechen. Ich gebe Aki noch einen Kuss, wende mich dann an Katja.
„Sei bitte wieder angezogen, wenn ich wiederkomme, ja?“
Sie salutiert. „Ey ey Sir.“
Also kann es losgehen. Auf dem Weg zu Lauri werde ich direkt angemotzt.
„Musstest du dich eben über mich lustig machen?“
„Mensch Lauri, was erwartest du von mir? Was soll ich denn in so einer Situation sonst machen?“
„Ernst bleiben?“ Er scheint richtig sauer zu sein.
„Neee, das geht nun wirklich nicht. Ich hab dir zwar gesagt, dass du dich von Kyllikki trennen sollst, aber nicht, dass du direkt mir meiner besten Freundin ins Bett hüpfen musst. Außerdem, wie soll ich bitte bei dieser Unterwäsche ernst bleiben?“ Meine Mundwinkel beugen sich schon wieder verdächtig nach oben.
Lauri schmollt, reagiert nicht mehr. Na soll er doch, ich bin mir keiner Schuld bewusst.
Ich habe keine Ahnung, wo wir sind, kann mir nicht mal den Weg wieder zurück merken. Vielleicht hätte ich ein Wollkneuel ausrollen sollen... Ich kann mich aber gut daran erinnern, dass es in meiner Gegend nicht so komisch gestunken hat...
„Sag mal, riechst du das auch?“ Ich bleibe kurz stehen und Lauri tut es mir gleich!
Ich höre neben mir ein kleines Stupsnäschen schnüffeln. Dann rennt er los. Er hat wohl nicht bemerkt, dass wir von einer Party mit viel Alkohol kommen und ich nicht mehr so gut reagieren kann?
Was soll, hinterher!
Ich hab ihn dann auch bald eingeholt, wie er fassungslos vor einem Haus steht. Jetzt haben wir die Quelle des Gestanks gefunden. Kyllikki... na ja, nicht wirklich. Aber sie ist der Verursacher.
„Meine schönen Shirts,“ Lauri wimmert vor sich hin.
„Das hast du nun davon,“ brüllt Kyllikki, die ein Shirt nach dem anderen ins Feuer wirft.
Vorsichtig nähere ich mich den noch qualmenden Klamotten und hebe eins auf. Sofort steht Lauri neben mir und nimmt es mir aus der Hand. „Meine schönen Thunder- Shirts,“ wimmert er wieder und wieder.
Ich schaue zu Kyllikki, die uns völlig gefasst gegenüber steht. „Die hast du ja schon immer mehr geliebt als mich!“
Lauri schaut sie mit hasserfülltem Blick an. „Sieh bloß zu, dass du Land gewinnst,“ brüllt er.
Sie greift nach ihrer Handtasche, zuckt nicht mal mit der Wimper. „Das hatte ich eh vor, du Loser!“

35. Kapitel
Auf dem Weg zurück ist Lauri noch depressiver, als er sich sonst so gibt. Nur diesmal hat er einen richtigen Grund, auch wenn’s nur zerstörte T-Shirts sind.
Schweigend laufen wir nebeneinander her, bis ich mich endlich wieder auskenne. Ich lege noch einen Zahn zu, will so schnell wie möglich wieder nach Hause. Vielleicht ist die Party ja noch im Gange...
Doch als wir in unsere Einfahrt biegen, befriert mir das Blut in den Adern. Das Haus ist noch immer hell erleuchtet, doch ein Auto steht vor der Garage. Ein grauer Mondeo... das kann nichts Gutes bedeuten.
Lauri fängt meinen fast schon ängstlichen Blick ein und schaut mich fragend an.
Ich deute auf das Auto. "Mach dich auf was gefasst!"
Er nickt nur und gemeinsam begeben wir uns in die Höhle des Löwen.
Kaum habe ich die Haustüre geöffnet, geht das Gezeter schon los...
"Anna, was ist hier los? Was machen diese fremden Menschen in unserem Haus?"
Neee, was habe ich meine Eltern vermisst! Ob sie arg böse werden, wenn ich ihnen vorschlage, schnellstmöglich wieder zu fahren und am besten nie wieder zurück kommen?
Ich schaue mich suchend nach Aki um, dann entdecke ich ihn an der Küchentheke.
"Wo willst du hin?" Meine Mutter reagiert auf jede Bewegung von mir.
Ich deute auf Aki. "Zu ihm."
"Und wir wollen sofort eine Erklärung," nun schaltet sich auch noch mein Vater ein.
Ich stelle mich neben Aki, der sofort beruhigend eine Hand auf meinen Rücken legt.
„Warum seid ihr überhaupt schon wieder hier?“ Ich versuche abzulenken.
„Deine Mutter hat den ganzen Abend versucht, dich zu erreichen. Und als Frau Blohm uns sagte, dass es hier sehr laut ist und eine Menge Leute im Haus sind, sind wir früher gekommen. Und wie es scheint, war das genau die richtige Entscheidung!“
Ich schnaube verächtlich. „War ja klar, dass die Schnepfe von nebenan wieder petzt.“
„Anna Victoria Helkovaara, pass auf, was du sagst!“ Meine Mutter kommt bedrohlich einen Schritt auf mich zu. Automatisch greife ich nach Akis Hand.
„Erklär es uns bitte,“ Die Stimme meines Vaters ist wieder sanfter.
So kenne ich das. Mein Vater war bisher immer derjenige, der mich verstanden hat, der mich in vielen Dingen unterstützt hat.
„Katja hat doch Geburtstag. Und ich habe für sie eine Party geschmissen.“
Höre ich mich jetzt etwa kleinlaut an? Verdammt, nun fühle ich mich wieder so schuldig.
„Ach quatsch. Du hast dir bestimmt gedacht, deine Eltern sind nicht da und da kannst du direkt machen, was du willst!“ Wieso habe ich auch nur erwartet, dass meine Mutter mich irgendwie versteht? Beschämt schaue ich zu Boden.
„Ach Anna,“ mein Vater seufzt, „das ist ja eigentlich auch völlig in Ordnung, nur vielleicht hättest du vorher nebenan mal Bescheid sagen können.“
Er kommt auf mich zu, nimmt mich in den Arm. „Ich bin stolz auf dich, dass du dich so um deine Freundin kümmerst, aber beim nächsten Mal kündigst du das an, ja?“
Ich erwidere die Umarmung und nicke. „Tut mir leid, Papa.“
Er streicht mir über den Kopf. „Dann wäre das ja geklärt. Und nun kannst du uns ja den jungen Mann hier vorstellen...“
Ich wende mich Aki zu, greife nach seiner Hand. „Papa, das ist Aki, mein Freund.“
Mein Vater reicht Aki die Hand. „Hallo Aki, schön Sie kennen zulernen.“
Aus den Augenwinkeln kann ich das entsetzte Gesicht meiner Mutter erkennen. „Aber Anna, wieso hast du uns Aki nicht schon früher vorgestellt?“
Ich schaue sie nur kurz an. „Den hab ich doch noch gar nicht so lange...“

36. Kapitel
Ich strecke mich und gähne einmal herzhaft. Die Sonne scheint mit aller Kraft ins Zimmer und ich muss blinzeln, um meine Umgebung zu erkennen. Doch kennen tue ich sie nicht. Ich schaue mich weiter um, entdecke dann Aki auf der anderen Seite des Bettes.
Kurz überlege ich, ob ich aufstehen und ihn mit einem Frühstück überraschen soll, doch ich kenne mich doch hier gar nicht aus.
Also ziehe ich das warme Bett vor, rolle mich zusammen und kuschle mich an Aki. Im Schlaf legt er einen Arm um mich, wacht aber nicht auf. Gut, überredet, ich schließe meine Augen auch noch einen Moment.
Naja, dieser Moment ist dann etwas länger geworden, denn ich werde später durch ein Klirren geweckt. Verschlafen schrecke ich auf, das Bett ist leer.
Ich schaue zur Tür, wo Aki leise fluchend mit einem Tablett steht. Als er bemerkt, dass ich auch wach bin, lächelt er.
„Guten Morgen.“
Ich nicke nur, so kurz nach dem Aufwachen kann ich einfach noch nicht reden. Da fällt mir eine Pfütze unter Aki auf.
Ich deute nur darauf und schaue ihn fragend.
Aki folgt meinem Blick, zuckt dann vorsichtig mit den Schulter. „Das sollte frisch gepresster O-Saft sein... das Glas ist mir gerade umgekippt, sorry!“
Dieser Mensch ist einfach nur knuffig. Bringt mir Frühstück ans Bett und dazu auch noch frisch gepresster O-Saft!
Ich richte mich auf, knie mich so gut es geht hin und breite meine Arme aus.
Aki stellt das Tablett neben das Bett und umarmt mich.
„Auch ohne O-Saft ist das total lieb von dir.“
„Irgendwie muss ich meinen Morgenmuffel doch aus den Federn kriegen,“ ich kann hören, wie Aki grinst.
„Morgenmuffel?“ Ich lege ihm die Arme um den Hals, schaue ihn an. „Wer ist hier bitte ein Morgenmuffel?“
Er lacht kurz auf, dann schaut er sich nach dem Tablett um.
„Möchtest du frühstücken? Ich habe in Saft getauchte Toasts, mit Saft überzogenen Käse und auch Wurst. Oder lieber ein getränktes Brötchen mit Marmelade?“
„Hm, das hört sich ja alles so lecker an, dass ich mich kaum entscheiden kann,“ sage ich ernst.
Aki schaut mich belustigt an. „Ich wusste ja schon, dass du merkwürdig bist, aber SO merkwürdig...“
„Hey!“ Beleidigt schaue ich ihn an , „wie würde ich das sonst mir dir aushalten?“
Blitzschnell greift er nach mir, wirbelt mich durch Bett und versucht mich zu kitzeln. „Aki...“ nur mühsam kann ich mich beherrschen, „lass das bitte, okay?“ Jetzt muss ich auch lachen. „Ich nehme auch alles zurück.“
Auf Kommando hält er inne. „Genau das wollte ich hören.“ Er küsst mich.
„Was machen wir nun? Versuchen wir es mit einem neuen Frühstück oder gehen wir lieber irgendwo hin?“
„Lass uns lieber hier bleiben. Dann können wir den Rest des Tages im Bett verbringen.“
Aki schüttelt den Kopf. „Sorry, Süße. Ich hab aber heute Nachmittag noch Probe.“
Entmutigt lasse ich die Schulter hängen – soweit das im liegenden Zustand möglich ist.
„Das ist also der Preis dafür, mit einem Rockstar zusammen zu sein...“
Aki legt sich neben mich, streicht mir liebevoll durchs Haar.
„Aber dafür können wir heute Abend schön gemütlich was machen. Nur wir beide.“
Das hört sich doch schon wieder gut an.
„Kann ich denn wenigstens mitkommen?“
„Ich bitte sogar darum...“

37. Kapitel
Wir hätten vielleicht doch nicht mehr so ausgiebig frühstücken sollen, denn so sind wir natürlich viel zu spät zur Probe gekommen.
„Schau an, unser Traumpaar,“ Lauri reagiert komisch auf unser gemeinsamen Auftreten. Sollte er sich doch lieber für uns freuen, dass alles paletti ist... aber ich kann ihn ja auch ein bisschen verstehen.
Er sieht schlecht aus, hat Ränder unter den Augen, ist blass und selbst seine Haare stehen heute nicht munter vom Kopf ab.
Und weil ich so ein verständnisvoller Mensch bin, begrüße ich ihn mit einem ebenso freundlichen Lächeln wie die anderen.
Pauli kaut natürlich wieder und Eero schaut aus, als ob er sich gerade frisch eine Tüte reingezogen hat. Irgendwie scheinen nur Aki und ich relativ fit zu sein – und das trotz nächtlichen Aufräumstresses.
Ich lasse mich auf das Sofa fallen, auf dem ohne Kyllikki so richtig viel Platz ist. Warum also nicht? Ich strecke alle viere von mir und mache es mir gemütlich.
Aki drückt mir einen Kuss auf die Stirn, dann geht die Probe los. Ich versuche dem Tongewirr eine vernünftige Melodie zu entlocken, doch irgendwie will das nicht so recht klappen. Liegt es an meinen Ohren oder vielleicht doch an der Mitwirkenden der Mini-Playback-Show hier...? Ich lache laut auf, ausser bei Eero passt diese Beschreibung wirklich perfekt.
„Mädels?“
Entgeistert schauen mich die Rasnüsse an. „Was hast du gesagt?“
Ich schmunzle, als ich in die Gesichter der Vier blicke. „Ich wollte doch nur wissen, ob ihr nicht die eine oder andere CD hier umfliegen habt? Dann kann ich mir mal euer altes Zeug anhören!“
Noch immer rührt sich keiner, habe ich sie vielleicht mit meiner Anrede jetzt doch beleidigt?
Ist ja auch egal, ich will jetzt eine Antwort von ihnen.
Endlich löst sich Lauri aus seiner Haltung und trottet zu seinem Rücksack. Nach kurzer Suche in seinem Inneren zieht Lauri einen Diskman samt CD heraus.
„Hier,“ warum spricht er denn auf einmal so leise, „das ist unsere zweite CD, aber pssssssssst.“
Sagte ich schon, dass der Kleine manchmal echt goldig ist? Trägt seine eigene CD mit sich herum und schämt sich auch noch dafür.
Ich zwinkere ihm kurz mit einem Auge, nehme dann dankbar das Gerät an mich. „Danke Lauri.“
Er nickt und begibt sich dann wieder zurück in seine Ausgangsposition am Mikro.
Gespannt setze ich die Kopfhörer auf und lege die CD ein. „Playboys“... verspricht eigentlich, lustig zu werden.
Ich drücke auf die Play-Taste und zucke erschrocken zusammen. Habe ja nun wirklich nicht damit gerechnet, dass jemand mit mir spricht statt Musik zu spielen!
Schnell gehe ich ein Lied weiter. Oh mein Gott, was für eine komische Stimme, schnell noch weiter.
Das gefällt mir dann schon besser und ich höre mir das Lied an. Interessiert schaue ich mir die Hülle an und lese mir die Titel der Songs durch. Klingt ja alles sehr lustig!
Lied Vier beginnt und ich mag das schnelle Bassspiel sofort. Der Rhythmus zwingt meine Füße doch glatt, mitzuwippen.
Ich merke, wie meine Augen sich weiten. Was bitte ist das? Ich schaue mir die Jungs in Ruhe an, überlege, wer von ihnen verrückt genug ist, einen Affen zu imitieren. Aber den Fotos im Booklett zu urteilen, ist es allen zuzutrauen.
Ich sehe mir die Bilder näher an, auf der Suche nach einem Bild von Aki. Doch leider find ich nichts, es stellt sich nur eine weitere Frage: Wer zum Teufel ist denn Janne?
Naja, das kann ich später immer noch heraus finden.
Jetzt habe ich vor lauter Suche, das Lied gar nicht richtig mitbekommen, hörte sich aber gut an. Also nochmal, diemal mit Hilfe des Textes im Booklet.
Gott, wer hatte denn da bitte so eine Sauklaue, hätten die das nicht abtippen können? Egal, das wird schon irgendwie gehen...

„I'm lost, I'm alone
I wish I had a bone
Long 'n wide white, you know what I'm talking about?
Just a fine bite
I wish I had a home
To cover me at night, yeh
I make a wish again that it would be summertime, I'd be fine
I, I, I, I!

[Chorus] [2x]
Any other time I'm fine in the morning
I can hear the winter crawling
I wish another time that it would be summertime
I can see that leaves are falling“

Beim Refrain gehe ich total mit. Mit Händen und Füßen mache ich das „ai ai ai ai“ munter mit, bis mir auffällt, dass die Hintergrundgeräusche schlagartig verklingen.
Ich drehe mich zu den nun nicht mehr probenden Jungs um und hebe einen Kopfhörer.
Lauri betrachtet mich grinsend. „Welches Lied gefällt dir denn so gut?“
Aki schaut zwischen uns hin und her. „Welches Album hast du ihr denn gegeben?“
Ich beantworte beide Fragen mit einem Wort. „Sophia.“
„Das gefällt dir so gut?“ Lauri ist erstaunt.
Ich richte mich auf. „Ja, das ist toll! Der Rhythmus ist klasse und ich mag die Aussetzer nach dem Refrain.“
Aki schüttelt mit dem Kopf, stemmt die Fäuste in die Seiten. „Was ja klar, dass du die Lieder gut findest, bei denen ich nicht mitgespielt habe!“

38. Kapitel
„Mensch Aki, stell dich nicht so an,“ ich höre Lauris Stimme von drinnen, während ich vor dem Studio sitze und eine rauche. Wie gerne hätte ich Aki hier bei mir, aber die anderen wissen ja noch immer nichts von seinem Laster.
Grinsend nehme ich den letzten Zug, schnippe den Stummel dann weg. Gerade will ich aufstehen, als die Stimmen hinter mir lauter werden.
„Ach Lauri, lass mich einfach, okay?!“ In diesem Moment wird die Tür aufgerissen und Aki stürmt heraus. „Kommst du?“
Erstaunt sehe ich ihn an. Zu gerne würde ich wissen, worum es da eben ging. Ob ich fragen soll? Wohl besser nicht, weil Aki richtig geladen ist.
Schweigend gehen wir durch die Straßen, schon wieder habe ich die Orientierung verloren. Langsam sollte ich mir echt mal Gedanken machen...
Aki legt einen schnellen Schritt vor und ich traue mich kaum zu fragen, was denn eben los war.
Schon wieder haben wir die Straße gewechselt, nun bin ich hoffnungslos verloren.
„Du Aki,“ vorsichtig spreche ich ihn an.
Er rennt einfach weiter, antwortet nur mit einem kurzen „Hm?“
„Ich weiß nicht mehr, wo wir hier sind und ich finde das hier langsam unheimlich.“
Das war wohl das Stichwort und endlich erinnert er sich wohl an mich. Er verlangsamt seinen Schritt, bleibt schließlich stehen und dreht sich zu mir um. „Sorry Süße, ich war nur so sauer.“
Ich lehne meinen Kopf gegen seinen Brustkorb, atme seinen Geruch tief ein. Endlich stellt sich wieder ein gewisses Gefühl der Sicherheit ein, als Aki seine Arme um mich legt.
Wir bleiben einige Minuten in der Haltung stehen, bis ich keine Luft mehr bekomme. Ich hebe meinen Kopf, schlinge meine Arme um ihn.
„Sagst du mir, was eben los war?“
Aki schüttelt leicht den Kopf. „Nein, lieber nicht. War nicht so wichtig.“
Ich merke, wie er auf Abstand geht. Seufzend lasse ich ihn los.
„Für ‚nicht so wichtig’ warst du aber arg sauer.“
„Ich möchte nicht darüber reden, okay?“ Aki nimmt meinen Kopf zwischen seine Hände und als ich nicke, küsst er mich leicht.
Dann wendet er sich wieder zum Gehen, reicht mir jedoch seine Hand. „Lass uns gehen, ich hab dir doch einen gemütlichen Abend versprochen.“
Wer kann diesem Grinsen schon wiederstehen? Ich lasse mich gerne von ihm ziehen, doch meine Gedanken sind noch immer bei diesem Streit. Ich bin einfach zu neugierig, als dass ich es nicht gerne wissen möchte. Aber wenn Aki nicht darüber reden möchte, muss ich es wohl akzeptieren. Ich schiebe weitere Überlegungen beiseite und freue mich auf die gemeinsamen Stunden mit Aki.
„Gehen wir eigentlich zu dir oder zu mir?“ Aki unterbricht das Schweigen.
Eine gute Frage, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Jetzt erst bemerke ich, dass wir genau an einer Kreuzung stehen. Links geht es in meine Richtung, rechts in seine.
„Zu dir,“ ich möchte mit ihm alleine sein, im Hause meiner Eltern geht das ja nun schlecht.
Aki grinst. „Du hast recht, deinen Eltern möchte ich so schnell nicht noch mal über den Weg laufen.“
Also machen wir uns auf den Weg zu ihm, doch die Stimmung ist dennoch komisch. Jeder von uns hängt seinen Gedanken nach und wir schweigen uns an.
„Aki, wenn etwas ist, dann sagst du es mir doch oder?“
„Natürlich Anna, wie kommst du denn jetzt darauf?“
Ich antworte nicht, kann er sich das denn nicht denken? Kaum ist er mit mir zusammen, gibt es am ersten Tag schon Streit mit Lauri. Das bereitet mir ein ungutes Gefühl.
„Du meinst den Streit von eben?“
Ich nicke nur.
Aki bleibt stehen und dreht mich zu sich. „Glaubst du, dass es was mit dir zu tun hat?“
Wieder ein Nicken.
Er schaut mich ernst an, schüttelt dann aber mit dem Kopf. „Ach Anna, mach dir darüber bitte keine Gedanken, okay? Das war nur ne kleine Band-Streitigkeit und jetzt ist alles wieder gut.“
Aki küsst mich, hält mich in seinen Armen.
Auch diesmal kann ich nur nicken, aber jetzt ist es ein weniger trauriges Gefühl.
„Lass uns das vergessen und schnell nach Hause, okay? Es wird kalt.“

39. Kapitel
„Ach komm schon Lauri, tu‘s für mich! Bitteee!“ Ich lege meinen allerliebsten Hundeblick auf. Wenn der jetzt nicht hilft, weiß ich auch nicht weiter...
Doch das Seufzen kurze Zeit später sagt mir, dass ich gewonnen habe. Ich strahle Lauri an und falle ihm um den Hals. „Danke Kurzer, du bist doch der aller- aller- allerbeste Freund, den man sich wünschen kann.“
Er verzieht das Gesicht. „Kurzer...“ grummelt er in seinen nicht vorhandenen Bart, „dafür alleine schon sollte ich dich das selbst machen lassen.“
Oh oh, schnell wieder den Hundeblick... Strike, schon wieder gewonnen!
„Hör auf, mich so anzugucken,“ Lauri schaut mich ernst an, doch dann zeigen seine Mundwinkel langsam nach oben, „man könnte ja fast Angst bekommen, dass dein Gesicht sonst so stehen bleibt!“ Er prustet los und läuft weg.
Mit einem Satz bin ich hinter ihm her, doch mit seiner Geschwindigkeit habe ich immer wieder meine Probleme.
Nach Luft ringend bleibe ich nach einigen Metern stehen. „Lauri warte, ich kann nicht mehr!“
Ich beuge mich nach unten, versuche meine Lunge wieder ruhig zu stellen. Zwei Füße tauchen als Schatten vor mir auf und ich weiß genau, dass Lauris Grinsen mindestens ein Mal um den Kopf geht. Schadenfreude ist wohl doch die schönste Freude!
„Tz, machst du etwa schon schlapp?!“
Statt einer Antwort schaue ich ihn nur strafend an.
„Na komm, stell dich nicht so an. Wer mit uns Feiern geht, der muss ausdauernd sein. Also komm, wer zuerst da ist...“ Und schon ist Lauri wieder weg. Mir bleibt gar nichts übrig, als hinter ihm her zu laufen.
Endlich erreich ich ihn. „Wie kannst du jetzt schon wieder rauchen?“ Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass seine Lunge nicht weh tut.
„Schätzchen, ich bin Rockstar, da verträgt man so was.“ Diesmal ist er nicht schnell genug und meine Faust erwischt seine Schulter. Nur ganz leicht, natürlich!
Lauri reibt sich die schmerzende Stelle. „Das gibt Rache...,“ droht er.
Ich zünde mir auch eine Kippe an und wir beobachten das rege Treiben um uns herum. Eigentlich wundert es mich, dass Lauri bisher noch nicht von Fans (oder solchen, die sich dafür halten) erkannt wurde. Aber ich bin auch sehr dankbar dafür, denn dann kann Lauri nun seinen Auftrag erfüllen.
Genau diesen Gedanken scheint er auch gehabt zu haben. „Ich geh dann da jetzt mal rein. Und wenn ich wieder da bin, will ich einen riesigen Eis-Becher von dir, okay?“
Ich grinse. „Ja, mein Kurzer.“
Er nickt nur, schaut sich jedoch vorsichtshalber noch mal gründlich um, bevor er die Apotheke betritt.
Ich bin nervös. Noch nervöser als gestern schon. Lauri war derjenige, der mich ängstlich gemacht hat, darum soll er mir auch diesen verdammten Test besorgen.
Bisher habe ich alles nur herunter gespielt, doch jetzt habe ich wirklich Angst. Was mache ich denn, wenn der Test positiv ist? Wie soll ich das bloß Aki und meiner Familie erklären?
Dieser Gedanke macht mir am meisten Angst. Ich bete so sehr, dass alles gut geht.
„Hier, steck es schnell ein und dann nichts wie weg hier,“ Lauri drückt mir eine Packung in die Hände und zieht mich dann mit sich.
Einige Ecken weiter in einem Cafe, lässt er sich dann einfach auf einen Stuhl fallen. „Mein Gott, ich habe noch nie in meinem ganzen Leben so was peinliches gemacht.“
Ich lasse mich ihm gegenüber nieder. „Ach nein, und was ist mit dem Konzert, bei dem du von der Bühne gekotzt hast?“ Scheinbar unbeteiligt spiele ich mit der Schachtel in meinen Händen.
Ruckartig schnell Lauris Kopf nach oben. „Woher weißt du das denn schon wieder?“
Ich grinse nur vielsagend. „Du, ich schlafe mit dem Drummer eurer Band.“
Lauri schüttelt den Kopf und streckt mir die Zunge raus. „War ja klar, dass er DAS wieder nicht für sich behalten konnte.“

40. Kapitel
Mit aller Kraft versuche ich eine innerliche Ruhe herzustellen. Ich sitze erst seit einigen Sekunden hier, doch es kommt mir vor wie Stunden. Um mich herum höre ich die Leute reden und lachen. Alle haben Spaß, dieser unglaubliche Druck lastet wohl momentan nur auf mir.
Wieder werfe ich einen Blick auf den Test vor mir, schicke wieder ein Stoßgebet zum Himmel. Pink ist zwar toll, aber einen pinken Streifen würde ich weniger toll finden...
Noch vier Minuten. Eigentlich wollte ich in aller Ruhe zu Hause den Test machen, hier kann ich ja noch nicht mal meine Nerven mit einer Kippe beruhigen! Aber Lauri wollte unbedingt, dass ich sofort eine Antwort habe... und jetzt sitze ich hier, auf der Toilette des Cafés und starre das Stäbchen an.
Noch zwei Minuten, die Zeit scheint mich ärgern zu wollen... noch ist nichts zu sehen und irgendwie stellt sich eine minimale Erleichterung ein.
Trotzdem ist die verbleibende Spannung kaum auszuhalten und ich schaue mich ein wenig um. Besonders interessant sind die Kritzeleien an der Tür. Wer hier alles wen grüßt... Moment... „Lauri, I love you“, darunter eine Telefonnummer. Zu gerne würde ich wissen, ob das von Kyllikki ist. Ich grinse automatisch bei dem Gedanken an sie. Bei Lauris Unterwäsche kann ich heute noch nicht verstehen, dass sie so lange mit ihm zusammen war! Vielleicht rufe ich ja mal bei der Nummer an.
Mein Blick wandert die Wände weiter, bis ich an dem Stäbchen hängen bleibe. Ich schaue kurz weg und dann wieder drauf. Pink?! PINK?!!!! Das kann doch nicht wahr sein. Ich sacke zusammen, stütze mein Gesicht in die Hände. Das ist mein Ende.
Aus der Traum vom lockeren Leben ohne nennenswerte Verpflichtungen. Vielleicht sogar das Aus für meine Beziehung zu Aki? Daran mag ich gar nicht denken.
Raus hier! Ich bekomme Panik, muss aus dieser engen Kabine raus.
Hastig krame ich meine Sachen zusammen, stoße die Tür auf und renne die Treppe hoch. Auf der Hälfte fällt mir der Test wieder ein. Verdammt, den habe ich liegen lassen. Also stürme ich wieder runter.
Ich habe Angst davor, dass es jemand herausfinden könnte. Ich bin in Panik... weil ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll; weil ich nicht weiß, wie ich es Aki sagen soll; weil ich nicht weiß, wie ich mit mir selbst umgehen soll!
Zu dieser Angst gesellt sich noch die Wut. Ich bin so wütend darüber, dass Aki und ich nicht aufgepasst haben; dass ich dumm genug war, es so weit kommen zu lassen!
Ich sehe Lauri durch das Fenster. Er sitzt gelassen im Schatten und schlürft die Reste seines Eises aus dem Becher.
Bei diesem Anblick muss ich unwillkürlich lächeln. Man kann nicht glauben, dass dieser junge Mann dort drüben ein gefeierter Musiker ist. Ohne Feder und Schminke sieht er aus, wie der nette Junge von nebenan. Wenn ich daran denke, dass wir uns zu Beginn unserer Bekanntschaft nur Wortgefechte geliefert haben.... heute möchte ich ihn nicht mehr missen!
Aki und ich sind nun seit fünf Monaten zusammen und in der Zeit ist meine Freundschaft zu Lauri immer stärker geworden. Wir können so wunderbar viel Spaß miteinander haben, aber auch streiten...
Ihm habe ich Aki zu verdanken, dank Lauri bin ich bis auf den pinken Streifen der glücklichste Mensch der Welt. All die einsamen Jahre habe ich gedacht, ich laufe einer Utopie hinterher, doch Aki hat mir gezeigt, dass es wirklich eine Beziehung geben kann, die auf vollem Vertrauen basiert.
Nie würde er etwas tun, was mir schadet... und nun bin ich schwanger und ruiniere wohlmöglich sein Leben damit!

41. Kapitel
Die letzten Sonnenstrahlen versinken hinter den Bäumen und schon allein dieser Gedanke treibt mir wieder die Übelkeit hoch. Wie kann man nur so kitschig sein?! Seit ich mit Aki zusammen bin, ist das noch viel schlimmer geworden, stelle ich belustigt fest.
Ich liege gemütlich auf dem Sofa, meinen Kopf auf Akis Beinen und höre nur mit einem Ohr zu. Immer wieder drehen sich meine Gedanken um den Test und die Folgen, die er hat.
Natürlich merkt Aki, dass ich mich anders verhalte, fragt ständig nach, doch ich habe blocke ab. Ich kann ihm einfach nicht sagen, was los ist? Habe viel zu viel Angst vor seiner Reaktion.
„Sag mal, wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?“ Jetzt hat Aki mich erwischt. „Willst du mir nicht endlich sagen, was los ist?“
Ich zwinge mich zu einem Lächeln, schaue Aki an. „Es ist wirklich nichts, ich bin nur ein wenig müde.“
Mein Gefühl sagt mir, dass Aki mir nicht glaubt. Doch mir bleibt keine andere Wahl!
Aki seufzt. „Wenn du das sagst...“
Wir wenden uns wieder dem Fernseher zu, doch wir hängen unseren Gedanken nach.
„Ich muss dir was sagen...“
Dieser kleine Satz ruft Unbehagen in mir hervor.
„Was denn?“ Ich versuche normal zu klingen.
Seine Hand streicht mir über das Haar.
„Wir müssen für ein paar Tage weg.“
Ich schaue ihn fragend an. „Wie weg?“
„Naja,“ Aki greift nach den Zigaretten und steckt uns beide eine an, „auf Tour. Aber nur für eine Woche.“
Ich richte mich auf und stütze mich mit einem Arm ab. „Und wann?“
„Übermorgen geht’s los.“
„Ist nicht dein Ernst,“ meine Augen weiten sich, das habe ich nun wirklich nicht erwartet, „so bald schon?“
Aki nickt. „Lässt sich leider nicht ändern, Süße.“
„Hm,“ was soll ich dazu noch sagen? Ich merke, wie mir die Tränen kommen. Natürlich habe ich immer mit einer Tour oder ähnlichem gerechnet, doch die Jungs waren in den letzten Monaten immer im Studio. Den Gedanken, von Aki getrennt zu werden, habe ich erfolgreich beiseite geschoben. Und ausgerechnet jetzt, zum ungünstigsten Zeitpunkt, beginnt die Tour.
„Kann man denn da gar nichts machen?“ verzweifelt suche ich nach einem Ausweg.
Aki grinst vielsagend und sofort keimt die Hoffnung wieder in mir auf. „Hm, ich weiß nicht...“
Ich zwicke ihn in die Seite. „Nun sag schon, ich seh doch, dass du was im Schild führst...“
Aki setzt sich mit angewinkelten Beinen gemütlich hin und schaut mich an. Seine Augen blitzen und ich weiß genau, dass jetzt etwas sehr wichtiges kommt.
„Es gibt da eine Möglichkeit...“ Schon wieder so eine dramaturgische Pause...
Ich wippe nervös auf und ab. „Spucks aus, ich bin doch so neugierig!“
Alle Sorgen sind vergessen, ich ahne, was Aki vorhat und kann es kaum erwarten, es von ihm zu hören!
Er beugt sich nach vorne, drückt mir einen Kuss auf den Mund. „Willst du nicht mitkommen?“
Er hats gesagt, er hats wirklich gesagt!
Ich muss aussehen wie ein Auto, denn Aki schaut mich belustigt an. „Alles okay bei dir?“
Mit einem Satz falle ich ihm um den Hals. „Ja ja ja, natürlich will ich mitkommen!“ Meine Stimme ist drei Oktaven höher. „Da fragst du noch?!“
Aki schlingt seine Arme um mich. „Ich war mir doch nicht sicher. Aber mein Ohr weiß jetzt auch, wie sehr du dich freust.“
Ich schaue ihn verständnislos an.
„Versprich mir, dass du mich nie wieder so anquietscht,“ Aki reibt mit einem Finger sein Ohr. „Sonst kann ich irgendwann meine Drums nicht mehr hören...“

42. Kapitel
Am nächsten Tag packe ich voller Eile meine Tasche. Dauernd habe ich Angst, dass ich etwas vergesse, schaue bei jedem Kleidungsstück mindestens drei Mal nach.
„Kannst du mir mal verraten, was du da machst?“ Die Stimme meiner Mutter lässt mich hoch schrecken.
Gerade jetzt bin ich unheimlich froh, dass ein Haufen Klamotten vor der Tür liegt und sie deshalb nicht ganz reinkommen kann...
„Ich packe. Aki nimmt mich mit auf Tour.“
Das Stirnrunzeln meiner Mutter kann nur ein bedeuten, sie hat keine Ahnung, wovon ich rede.
Belehrend schaue ich sie an. „Mama, Aki... mein Freund...“
Ihr geht jetzt nicht nur ein Licht auf. „Ach ja, der nette Junge man von letztens.“
Ich nicke nur, widme mich dann wieder meinen Klamotten.
„Anna, lässt du mich mal bitte rein? Ich möchte mit dir reden.“
Glücklicherweise ist die Schranktür so geöffnet, dass meine Mutter nicht sehen kann, wie ich mit den Augen rolle.
Seufzend räume ich den Haufen ein Stück zur Seite und krabble dann wieder zum Schrank. Ich höre, wie meine Mutter es sich auf meinem Bett bequem macht.
Einen Moment herrscht Ruhe, doch diese wird durch ein merkwürdiges Knistern unterbrochen. Vorsichtig schiele ich herüber... es soll ja nicht so aussehen, als ob ich neugierig wäre!
„Anna, ich denke, wir sollten mal ein ernstes Gespräch miteinander führen.“
Oh je, das hört sich nach so einer Mutter-Tochter-Kiste ab. Mir graut davor, aber ich fürchte, ich kann dem jetzt nicht entfliehen!
Genervt richte ich mich auf. „Mam, ich hab dafür nun wirklich keine Zeit.“
„Für so eine wichtige Sache wirst du da wohl ein paar Minuten deiner kostbaren Zeit opfern können!“ Die Stimme meiner Mutter klingt beleidigt und bringt mich dazu, neben ihr Platz zu nehmen.
„Also, was gibt es denn so Wichtiges?“
„Naja,“ sie räuspert sich, „die Sache mit diesem Jungen...ähm... ich hab hier was für dich.“
Sie streckt mir eine Packung entgegen. Nun weiß ich auch, woher das Knistern eben kam.
Ich schaue meine Mutter belustigt an. Kann es sein, dass sie rot geworden ist?
„Kondome?“
„Ja...“ schon wieder dieses verlegene Räuspern, „ich weiß ja nicht, wie ernst die Geschichte ist und ich möchte einfach, dass du auf dich aufpasst.“
„Mam, meinst du nicht, ich kann das selbst regeln?“
„Ach Kind, denk doch nur mal an die schlimmen Sachen, die passieren können, wenn... na ja, wenn Aki und du...“
„Wenn wir Sex haben?“ Ich liebe es, in solche geschockte Augen zu starren.
„Mam, ich kann schon auf mich selbst aufpassen.“ Ich stehe wieder auf. „Und außerdem ist es eh zu spät...“ Mit einem flauen Gefühl im Magen denke ich an den Schwangerschaftstest.
„Zu spät? Wie meinst du das?“ Es scheinen gerade sämtliche Alarmglocken zu läuten.
Zu gerne würde ich mich jetzt meiner Mutter anvertrauen. Ihr von meinen Ängsten und Sorgen erzählen in der Hoffnung, dass dann alles wieder gut wird.
Doch ich kann es nicht, ich kann einfach nicht mit ihr sprechen. Das Gespräch gerade hat mir mal wieder verdeutlicht, wie sie mich einschätzt. Sie hält mich noch immer für ihr kleines Mädchen und genau das hindert mich daran, ihr alles zu erzählen.
„Mam, wir sind fast ein halbes Jahr zusammen! Meinst du etwa, Aki und ich hätten es noch nicht getan?“
Geschockt steht sie auf und ich meine, auch ein bisschen Enttäuschung in ihrem Blick gesehen zu haben.
Und gerade das wollte ich vermeiden! Ich will nicht, dass jemand von mir enttäuscht ist, gerade jetzt bin ich selbst von mir enttäuscht genug. Doch ich kann es nicht ändern, habe lange genug versucht, es allen Recht zu machen.
„Du musst wissen, was du tust, Anna.“ Und schon ist die Tür wieder zu...

43. Kapitel
„Mensch Aki, wir müssen gleich auf die Bühne! Knutschen kannst du später immer noch,“ Pauli grölt durch den Backstage- Bereich.
Nur widerwillig lasse ich Aki los, es war gerade so gemütlich. Nun gut, so gemütlich, wie ein Türrahmen sein kann, an dem ich gerade lehne. Meine Arme sind hinter Akis Kopf verschränkt und wir stehen ganz nah bei einander.
Ich bekomme noch einen letzten Kuss und dann schwingt Aki sich auf die Bühne. „Hals und Beinbruch“, rufe ich noch hinterher, bekomme von Lauri einen Kuss auf die Wange dafür.
„Bis später, Kleine,“ und schon ist er auch verschwunden.
Jetzt bin ich alleine und schaue mich erst mal um. Hier und da dringen Wortfetzen der Crew an mein Ohr und irgendwie fühle ich mich ein bisschen unwohl. So ist es jedes Mal und ich hab schon einige Konzerte mitgemacht.
Ich schaue mich um und entdecke Lauris Zigaretten auf dem Tisch. Naja, auf die ein oder andere wird er wohl verzichten können, also ich stecke mir eine an.
Igitt, was ist das denn für ein Zeug? Ich betrachte die Packung. Ach ja, er raucht ja Menthol... Ich verziehe kurz das Gesicht. Aber besser als nichts...
Das Kreischen draußen wird lauter, die Vier haben wohl die Bühne betreten. Ich möchte mir die Show auch ansehen und gehe langsam den Gang zur Bühne hinunter. Sehr vorsichtig taste ich mich vor, in der Angst, auf einmal selbst vor der Menge zu stehen. Das ist mir beim ersten Gig hinter per Bühne passiert, das reicht vollkommen für den Rest meines Lebens.
Kurz vor dem Ende verstecke ich mich hinter dem Vorhang und luge heraus. Toll, von hier aus habe ich einen perfekten Überblick.
Aki hat bereits hinter seinen Drums Platz genommen und Eero steht schon bereit an seinem Mikro, während Pauli seelig die Fans angrinst.
Das Kreischen erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt, als Lauri die Bühne betritt. Ich kann es gar nicht glauben und starre in die Menge. Die Mädchen in der ersten Reihe sehen wirklich fertig aus. Die meisten haben wahrscheinlich schon Stunden vor Einlass hier gehockt und darauf gewartet, ihre Idole zu sehen... okay, sagen wir mal so: 90% davon haben darauf gewartet, Lauri anzuschreien.
Da werden auch schon die ersten herausgezogen, bevor auch nur die ersten Take gespielt sind. Die Mädchen werden von den Sanitätern direkt an mir vorbei getragen, eins davon hat ein L auf ihre Stirn gemalt.
Ich kann nur noch mit dem Kopf schütteln, so was habe ich bisher noch nicht gesehen!
Doch ich kann mich nicht lange darüber wundern, denn der erste Song wird gespielt. „One & Only“ – wie immer. Die Masse geht sofort mit und Lauri heizt über die Bühne. Ich schließe mit mir selbst die Wette ab, dass sein Hemd nur bis zum dritten Lied trocken bleibt. Schließlich fegt Lauri immer wie ein Wirbelwind über die Bühne – halt! Er gleicht wohl eher einem Tornado, von daher bin ich froh, dass ich das Wäschestück nach einem Konzert nicht in die Finger bekomme.
Ich nehme mir die nächste Zigarette aus Lauris Schachtel, nun habe ich mich ja an den Geschmack gewöhnt. Vorsichtig prüfe ich, ob das Gerüst neben mir mein Gewicht auch hält, dann lehne ich mich dagegen. Gedankenverloren starre ich einfach nur auf die Bühne, verfolge das Spektakel nicht weiter.
Immer wieder kehrt das Bild des positiven Test in mein Bewusstsein zurück. Ich habe es Aki noch immer nicht gesagt und weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob ich es machen werde. Will ich überhaupt das Kind? Vielleicht sollte ich doch lieber erst noch zum Arzt gehen und vielleicht nimmt der mir meine Angst durch einen negativen Test. Doch eigentlich sind die Dinger aus der Apotheke auch relativ sicher, oder? In mir steigt wieder dieses komische Gefühl auf und ich habe wieder Angst.
„Diesen nächsten Song widmen wir einer ganz besonderen Person,“ höre ich Lauris Stimme und ich wende mich wieder dem Geschehen zu. Die Kippe ist mittlerweile verglüht, ich trete sie auf dem Boden aus.

44. Kapitel
„... Einem Menschen, den man einfach mögen muss, weil sie so schön verrückt ist...“ Lauri dreht sich in meine Richtung und zwinkert mir zu.
Ich bin völlig perplex, das haben sie noch nie für mich getan. Gerührt deute ich ein Gruppenkuscheln an, indem ich meine Arme um mich schlinge. Auch Aki strahlt mich an und Pauli streckt mir seine Hand mit ausgestrecktem kleinen und Zeigefinger entgegen. Ich grinse zurück und muss mir vor Aufregung gleich die nächste Kippe anzünden.
Die Fans gehen wieder vom ersten Ton an mit, doch gekonnt schalte ich das ab. Ich höre nur auf das Lied, was extra für mich gespielt wird...

„Too much, too fast maybe
I don't know where my destiny's taking me
So I'll go wherever it leads me
Too high, too low maybe
I wanna know where my destiny's taking me
So I'll go to make you believe me
Yeah”

Lauri umklammert sein Mikrofon, während er die Zeilen in selbiges haucht.

“Cry, cry when there's something to cry about
Cry, cry baby but don't drown in sadness
It's madness
Don't ask me to explain
Don't take away the pain
It's impossible to save me
It's madness”

Gebannt schaue ich auf die Bühne. Ich kann es noch immer nicht fassen, sie spielen nur für mich! Aki wirft mir einen Kussmund zu, dann drischt er weiter auf seine Drums ein.

“Too cheap and too scary
Too creepy to marry
Too serious, too mysterious and way too, way too deep”

Lauri schaut mich eindringlich an. Er weiß genau, was mir im Kopf herum geht und ich bin ihm unendlich dankbar für diese Ablenkung.

“Cry, cry when there's something to cry about
Cry, cry baby but don't drown in sadness
It's madness
Don't ask me to explain
Don't take away the pain
It's impossible to save me
It's madness
So easy to complain
Nobody left to blame
It's impossible to save me”

Ja, wie recht er doch hat. Ich fühle mich momentan wirklich so, als könne mir niemand helfen. Diese pinke Geschichte muss ich mit mir selbst ausmachen.

“Crack in the shield, feels so unreal
No one to blame for losing the flame
Crack in the shield
Lost in the fields of sadness
It's madness
Oh yeah”

Nach dem letzten Refrain kommt Lauri auf mich zu und greift nach Handtuch und Kippen.
„Ich liebe euch dafür,“ ich lächle ihn dankbar an.
„Für dich tun wir doch alles!“ Und schon ist er wieder verschwunden... und ich stehe ohne Kippen da.

später
Das Konzert neigt sich nach gut 90 Minuten dem Ende zu und die Fans fordern die nächste Zugabe, noch bevor die Jungs verschwunden sind. Doch ich weiß, dass nun nichts mehr kommen wird. Pauli schnippst seine Plektren den Fans zu und Aki macht sich zu seinem obligatorischen Sticks-Wurf fertig. Ich denke an mein erstes Live-Erlebnis zurück. Damals war Kyllikki noch dabei... ach ja, ich wollte doch die Nummer von der Toiletten-Tür noch ausprobieren.
Der erste Stick ist weg und Aki holt mit weit nach hinten gestrecktem Arm zum nächsten Wurf aus.
Doch plötzlich lässt er den Stick fallen und hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm.

45. Kapitel
Unruhig laufe ich auf und ab. Dieses Warten macht mich ganz nervös. Und wie ich diesen sterilen Geruch hasse, da kommt es mir gleich wieder hoch. Wir sind nun schon seit ... ja, seit wann eigentlich?
„Eero, was sagt die Uhr?“
Er streift seinen Pulli von der Uhr. „Gleich eins,“ antwortet er wortkarg. Dann springt er unerwartet schnell auf.
„Macht es jemandem etwas aus, wenn ich mich verdrücke? Ich brauche noch ne Runde Entspannung. Gerade jetzt...“
Ich nicke nur unmerklich, während Lauri sich gar nicht äußert.
„Es bringt ja nichts, wenn wir alle hier sitzen, geh nur,“ sagt Pauli. „Wir haben bisher schon genug für Aufregung gesorgt,“ fügt er hinzu.
Eero legt mir aufmunternd die Hand auf die Schulter und ist wenige Sekunden später schon verschwunden.
Mit Grauen denke ich an die vergangenen Stunden und sehe immer wieder Akis schmerzverzerrten Blick vor mir. Diesen Schreck werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Die Fahrt hier hin war auch der Horror, weil einige Fans meinten, dem Auto folgen zu müssen. Leider waren einige selbst motorisiert und haben uns mit ihren Autos bis zum Krankenhaus verfolgt.
Während ich mit Aki zu den Ärzten geflitzt bin, haben die anderen drei Autogramme gegeben und Gott sei Dank haben wir nun etwas Ruhe.
Ich seufze auf. Lauri legt seine Arme um mich.
„Es wird schon nicht so schlimm sein, Süße.“
Ich nehme meinen Kopf gegen seine Schulter, lasse die Tür, hinter der Aki verschwunden ist, nicht aus den Augen.
„Ich hol uns mal was zu trinken,“ Pauli steht auf und geht zum nahegelegenen Wasserspender.
Dankbar nehme ich den Becher entgegen.
„Kommt einer mit eine rauchen?“
Oh ja, da hatte Lauri ja mal eine wunderbare Idee.
„Aber ich verlasse diesen Flur nicht, bevor ich nicht weiß, was mit Aki ist.“
Mit einem Schluck trinke ich das Wasser aus und werfe den Becher in den Mülleimer.
„Geht nur,“ Lauri nickt Pauli und mir zu, „ich warte hier und ruf euch, falls es was neues gibt.“
Es beruhigt mich einigermaßen, Lauri hier zu wissen und ich setze mich mit Pauli in das Raucherzimmer am Ende des Flurs.
Mit zitternden Hände versuche ich, das Feuerzeug zu bedienen. Nach vier Versuchen nimmt Pauli es mir aus der Hand und hilft mir.
Gierig nehme ich den ersten Zug, während Pauli sich nach hinten lehnt und mir beruhigend mit einer Hand über den Rücken streicht.
„Mach dir mal nicht so viele Sorgen. Er wird schon nichts schlimmes haben und bald wieder fit sein.“
Ich seufze. „Das hoffe ich doch. Aber hast du sein Gesicht gesehen? Ich bekomme das nicht mehr aus meinem Kopf.“
Wieder streicht seine Hand über meinen Rücken. „Wir werden es doch gleich erfahren...“
Ich drücke die Kippe im Aschenbecher aus. „Ich geh wieder zu Lauri, der will bestimmt auch endlich mal eine rauchen.“
Pauli nickt und richtet sich ebenfalls auf. „Na dann mal los.“
Galant hält er mir die Tür auf und ich trete auf den Flur. Als ich in Lauris Richtung schaue, entdecke ich eine weitere Person.
‚Der Arzt’, geht es mir sofort durch den Kopf, doch seit wann hat der lange blonde Haare?
Pauli folgt meinem Blick und seufzt leise.
„Wer ist das?“ Dieses Geräusch ist mir nicht entgangen. Argwöhnisch lasse ich die beiden nicht aus den Augen.
„Henni.“
„Wer zum Teufel ist Henni?“
„Eine Bekannte,“ Pauli geht auf Lauri zu. Ich merke genau, dass er mir etwas verschweigt und wetze hinterher.
„Nun sag schon.“
„Das wirst du noch früh genug erfahren.“

46. Kapitel
„Die Schulter wurde wieder eingerenkt und jetzt muss ich nur noch Krankengymnastik machen.“
Aki ist endlich wieder aus dem Behandlungsraum zurück und berichtet uns die Diagnose. Ich sitze auf seinem Knie und bin so heilfroh, dass es wirklich nichts weiter ist.
„Tut es denn noch arg weh?“
Ein tapferes Lächeln. „Nun, angenehm ist es nicht. Ich habe ein bisschen Angst, den Arm zu bewegen. Aber das legt sich bestimmt bald.“
„Soll ich euch nach Hause bringen?“ Henni mischt sich in das Gespräch ein, „ich bin mit dem Auto hier.“
Aki wendet sich an sie und ich merke, wie ein eiskalter Stich durch mein Herz geht. Ich habe das Lächeln in seinen Augen gesehen, als er Henni entdeckt hat und ich werde das Gefühl von Eifersucht nicht los. Sie ist so bildhübsch.
Diese langen blonden Haare passen perfekt zu ihrem Gesicht und die grünen Augen funkeln freundlich in ihre Umgebung.
Ich möchte ja zu gerne wissen, welches Verhältnis sie zu Aki und den anderen Jungs hat, aber ich ahne es.
„Wenn du das tun würdest,“ Aki lächelt sie an.
„Ist doch kein Problem, mache ich gerne.“ Henni kramt in ihrer Tasche und sucht nach dem Autoschlüssel.
Recht widerwillig erhebe ich mich von Akis Schoss und helfe ihm beim Aufstehen. Langsam setzen wir uns Richtung Ausgang in Bewegung.
„Sag mal Henni, wie kommt es eigentlich, dass du hier bist?“ Pauli stellt endlich die Frage, die mir schon lange auf der Zunge liegt. Jetzt bin ich ja mal gespannt auf ihre Antwort...
„Ich kann mir doch kein Konzert von euch entgehen lassen, wenn ihr schon mal in der Nähe spielt.“
„In der Nähe? Du wohnst hier?“ Aki scheint auf diese Antwort nicht gefasst gewesen zu sein.
Henni nickt und eine Strähne fällt in ihr Gesicht. Unwirsch schiebt sie sie zurück hinters Ohr. „Ich bin bei erster Gelegenheit weggegangen...“ antwortet sie leise.
Es tritt eine unangenehme Stille ein und ich bin froh, dass wir das Gebäude endlich verlassen können.
„Wo stehst du?“ Ich fasse mir ein Herz und spreche sie an.
Ihr Blick trifft mich und ich bin erstaunt über die Wärme, die er ausstrahlt. Sie scheint eine gemeinsame Vergangenheit mit Aki zu haben und doch entgegnet sie mir so freundlich? Das nagende Gefühl in meinem Herzen lässt merklich nach und ich fühle mich etwas wohler in ihrer Gegenwart.
„Direkt dort hinten auf dem Parkplatz,“ Henni deutet in die Richtung, „ich hole den Wagen, damit Aki nicht so weit laufen muss.“
Noch immer herrscht Schweigen zwischen uns und als Henni vorfährt, steigen wir ebenso wortlos sein.
„Wo müsst ihr hin?“ Endlich wird die Stille gebrochen.
„Zum Holiday Inn. Du kannst hinten ranfahren. Dann besteht weniger Gefahr, von Fans erwischt zu werden.“ Pauli denkt Gott sei Dank für uns mit.
Aki hängt seinen Gedanken nach und starrt aus dem Fenster. Ich traue mich nicht, irgendwie auf ihn zu reagieren. Ich hoffe, dass wir später reden können.

47. Kapitel
Aki hält mir eine Zigarette hin und zündet sich dann selbst eine an.
„Henni war einfach immer da, in der Schule, in der Clique und irgendwann ist es dann passiert. Ich habe mich Hals über Kopf in sie verliebt und wir waren dann zusammen.“
Wir sitzen hier in unserem Hotelzimmer und es ist schon fast wieder Morgen. Aki hat von selbst angefangen, über Henni zu sprechen und ich bin ihm verdammt dankbar dafür. Er ist so ehrlich und erzählt einfach drauf los, nimmt mir sämtliche Ängste damit. Ich sitze einfach nur da und höre ihm zu.
„Wir haben noch viel mehr Zeit miteinander verbracht und waren echt glücklich. Sie war meine erste große Liebe.“
Er drückt die Kippe aus und greift nach seinem Glas.
„Doch das hat dann irgendwann aufgehört. Ich habe mit der Band angefangen und musste sie viel alleine lassen. Wir haben uns immer weniger gesehen und uns auch dann irgendwann nichts mehr zu sagen gehabt. Das ging ne ganze Zeit so, bis wir uns dann manchmal tagelang nicht zu Gesicht bekommen haben.“
Schon wieder zündet er sich eine Kippe an und hält mir die Schachtel hin. Ich schüttle mit dem Kopf, ich hab heute schon zu viel geraucht und unbewusst fährt meine Hand über meinen Bauch.
„Ohne es wirklich auszusprechen, war unsere Beziehung beendet und ich glaube, wir haben uns beide gleichzeitig nach anderen Partnern umgesehen,“ Aki seufzt. „Die Liebe ist einfach verloren gegangen und wir hatten auch keine Chance, sie wieder zu finden.“
„Eines Abends haben wir uns dann in einem Club getroffen und uns ausgesprochen. Ich hab einfach nichts mehr für sie empfunden, nur noch Freundschaft. Und um diese nicht auch noch zu riskieren, sind wir dann offiziell auseinander gegangen.“
Aki setzt sich neben mich auf das Bett. „Mehr ist wirklich zu sagen. Wir haben noch ein paar Mal miteinander telefoniert, doch das ist dann leider auch eingeschlafen. Und wie ich jetzt erfahren habe, ist sie ja auch weggezogen.“
Er zuckt mit den Schultern. „Die erste Zeit habe ich sie vermisst, doch die Band hat mich immer mehr ausgefüllt und ich war glücklich.“
Er hebt seinen Kopf und schaut mich direkt an. „Und nun habe ich ja auch dich und besser kann es mir wirklich nicht ergehen! Jetzt bist du bei mir und ich kann mir nichts schöneres vorstellen, als dich bei mir zu wissen.“
Dieser letzte Satz treibt mir die Tränen in die Augen. Ich bin vollkommen gerührt und mir schlägt das Herz bis zum Hals.
Aki streicht mir durch das Haar und fährt mit einem Finger vorsichtig meine Gesichtskonturen nach. Langsam nähert er sich mir und zärtlich küssen wir uns.
Diese sanfte Berührung lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen und ich schließe meine Arme um ihn.
Aki lässt sich auf das Bett fallen und zieht mich mit sich. Wir bleiben eng umschlungen liegen und schauen uns einfach nur an. Worte würden diese Situation nur zerstören... es sei denn, es sind drei bestimmte...
„Ich liebe dich,“ leise spreche ich diesen so wichtigen Satz aus. Lange habe ich es vermieden, dies zu sagen und bisher habe ich auch nur eine Person genug geliebt.
Bei Aki weiß ich, dass es richtig ist. Ich liebe ihn wirklich mit jeder Faser meines Körpers und habe mich noch nie so geborgen und wohl bei jemandem gefühlt. Er gibt mir das Gefühl, wichtig und liebenswert zu sein und dafür werde ich ihm auf Ewig dankbar sein.
Akis Augen strahlen mich an, ein breites Grinsen ist in seinem Gesicht. Dann werde ich stürmisch geküsst.
„Ich kann nicht glauben, dass du das gerade gesagt hast.“
Ich erwidere sein Strahlen, kann nicht antworten, werde von meinen Gefühlen überrannt.
„Mensch Anna...“ Aki stammelt, „ich mein, wow...“ wieder ein Kuss... „ich liebe dich doch auch! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich mich das macht!“
Noch ein Kuss, diesmal wieder stürmischer. Ich ziehe ihn näher an mich ran, will Aki am liebsten nie wieder los lassen.
Seine Arme schlingen sich fester um meine Hüpfen und seine Hände machen sich selbstständig. Streicheln mich am Rücken, spielen mit meinen Haaren und hinterlassen diese wunderbare kribbelnde Spur.
Ich will seine Haut auf meiner spüren, greife kurzerhand zu seinem Shirt und schiebe es nach oben. Aki richtet sich auf und hebt vorsichtig die Arme, gleichzeitig zieht er mir mein Oberteil aus....
Wieder versinken wir in einen leidenschaftlichen Kuss und ich lasse meine Hand über seinen Oberkörper fahren. Aki streckt sich und zieht mich hoch, so dass ich halb über ihm liege. Immer wieder fährt er meinen Körper entlang und ich spüre, wie sich Hitze in mir ausbreitet.
Die Müdigkeit von vorhin ist verschwunden und ich genieße es einfach nur, ihn zu spüren.
Immer wieder streiche ich ihm über den Körper. Wir liegen hier, beide nur noch mit Hosen bekleidet und jedes Stück Stoff scheint mir momentan überflüssig zu sein. Eigentlich liebe ich das lange und liebevolle Vorspiel, doch jetzt kann ich gut und gerne darauf verzichten...
Mit meiner rechten Hand wandere ich langsam zu seinem Hosenbund, streiche weiter, bis ich den Knopf zu spüren bekomme.
Hektisch versuche ich ihn zu öffnen, hab dann doch Erfolg. Mit leichten Küssen auf jede freie Körperstelle, krabble ich immer tiefer, ziehe dabei den Reisverschluss runter.
Ich merke, dass Aki sich unter meinen Berührungen windet und merke gleichzeitig die Ungeduld....

48. Kapitel
„Das ist ja nun hoffentlich nicht dein Ernst! Wie kannst du Aki einfach...“ Lauri unterbricht sich selbst, als der Kellner uns den bestellten Kaffee bringt. Dann spricht er mit gesenkter Stimme weiter. „Du hast Aki noch immer nichts gesagt? Verdammt, das ist auch sein Kind. Er hat also ein Recht darauf, es zu erfahren.“
Ich stelle meine Tasse wieder ab. „Es war einfach bisher nicht der richtige Zeitpunkt, okay?“
Ich stecke mir eine Zigarette an, doch ich komm nicht wirklich weit. Noch bevor ich den ersten Zug genommen habe, nimmt Lauri sie mir weg und raucht selbst.
„Du hast eben erst eine gehabt. Rauch nicht so viel in deinem Zustand. Hör es am Besten gleich auf.“
So hatte ich mir den Nachmittag nun wirklich nicht vorgestellt. Aki hat mich darum gebeten, mit Henni in Ruhe über alte Zeiten sprechen zu können. Er hat mir sogar angeboten mitzukommen, damit ich mir keine Sorgen mache. Doch nach vergangener Nacht habe ich keine Angst, die beiden alleine zu lassen. Also sitze ich nun hier mit Lauri im Hotel-Café und lasse mir kluge Ratschläge geben.
„Mensch Lauri, wer hat denn bitte gesagt, dass ich zu viel rauche?“
„Warst du schon beim Arzt?“
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“ Diesen Gedankensprung würde ich gerne nachvollziehen können.
„Hat dir ein Arzt erlaubt, dass du eine nach der anderen rauchen darfst?“
Ach so, daher weht also der Wind...
„Nein, ich war noch nicht beim Arzt.“
„Na siehste,“ mit diesen Worten greift er nach meiner Schachtel und nimmt die Zigaretten bis auf 5 Stück heraus. „Das muss für den Rest des Tages reichen.“
Ich bin fassungslos, mir bleiben die Worte im Hals stecken. So viel Besorgnis um das Kind hätte ich Lauri jetzt nicht zugetraut.
Kind? Ich sag schon Kind? Verdammt, ich gewöhne mich immer mehr an den Gedanken, obwohl ich doch eigentlich nicht will. Und wieder überkommt mich diese unheimliche Angst.
„Lauri, was soll ich nur machen?“
Er nimmt noch einen letzten Zug von der Zigarette. „Du musst es Aki auf jeden Fall erst mal sagen. Und dann könnt ihr zusammen überlegen, wie es weitergehen soll.“
Ich bin verzweifelt, lasse den Kopf hängen. Lauri rückt ein Stückchen näher und nimmt mich in die Arme.
„Süße, du musst es ihm sagen. Da führt kein Weg dran vorbei. Es geht doch nicht, dass du dich damit alleine belastest.“
Lauri hat ja recht und ich weiß das auch, es ist nur so schwer. Ich blicke auf und er zwinkert mir aufmunternd zu.
Ich schlinge meine Arme um ihn und drücke ihn fest an mich. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.“
Er erwidert die Umarmung, als wir von einem Räuspern gestört werden.
„Was gibt das denn hier?“ Vor uns steht ein grinsender Aki samt Henni.
Wir lösen uns von einander und ich bekomme direkt einen Kuss von Aki.
„Wir mussten uns ja irgendwie die Zeit vertreiben, solange ihr weg seid,“ antworte ich schelmisch.
Aki zieht mich aus dem gemütlichen Sessel und nimmt dann selbst darin Platz. Doch bevor ich protestieren kann, sitze ich schon auf seinem Schoss und lehne mich an ihn.
Henni steht noch immer, doch Lauri springt auf und schiebt ihr einen anderen Sessel zurecht. „Setz dich doch hier her,“ sagt er mit seinem umwerfendsten Lächeln. Wenn da mal nicht was im Busch ist...
Ich fasse mir ein Herz und spreche Aki an. „Du, können wir uns gleich vielleicht mal in Ruhe unterhalten?“

49. Kapitel
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und ich sitze wie auf heißen Kohlen – dabei ist es nur Akis Schoß, auf dem ich throne!
Seit einer Stunde sind Aki und Henni nun schon wieder hier und sitzen noch immer gemütlich im Hotel und trinken Kaffee.
Doch ihre Anwesenheit ist es nicht, was mich so nervös macht. In Gedanken lese ich mir die richtigen Worte zurecht, um Aki endlich alles zu beichten.
„Was ist los, Süße?“ Aki reisst mich aus meinen Überlegung.
Ich war so weggetreten, dass ich ihn jetzt nur mit großen Augen ansehe. „Hä?“
Henni kichert und auch Aki kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Du scheinst ja richtig tief in deiner Welt versunken zu sein.“
Ich schüttle den Kopf, grinse gespielt in die Runde. „Ich war nur in Gedanken, tut mir leid.“
Jetzt erst bemerke ich, dass Lauri seit ihrer Rückkehr ins Hotel immer weiter an Henni herangerutscht ist. Eigentlich liegt mir ein Spruch auf der Zunge, doch ich schlucke ihn herunter. Mir ist eh gerade nicht nach Späßen... und eigentlich sind die beiden echt süß zusammen!
Ich merke eine warme Hand auf meinem Rücken, drehe mich Aki zu und lasse mich runter ziehen. An ihn gelehnt, seine Zuneigung spürend scheint mir die Welt direkt weniger schlimm. Doch ich hab noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen und jetzt kann ich mich nicht mehr drücken.
Dabei wäre es mir wirklich das Liebste, wenn Aki einfach vergessen würde, dass ich ihn um ein Gespräch gebeten habe.
Und wenn man vom Teufel spricht... „Wolltest du nicht noch mit mir reden?“ Leise höre ich diese Frage an meinem Ohr. Innerlich zieht sich alles in mir zusammen und ich schaue Lauri hilfesuchend an.
Doch dieser schüttelt kaum merklich den Kopf und nickt mir dann sofort aufmunternd zu. Ich verharre in meiner Position, bewege mich keinen Milimenter von Aki weg. „Lass uns das gleich machen.“
„Ist gut,“ ein Kuss auf meiner Stirn.
Lauri sieht mich vorwurfsvoll an, doch ich reagiere nicht. Die anderen haben leicht reden, schließlich sind sie ja nicht in meiner Situation! Ich merke, wie ich in Selbstmitleid versinke... doch natürlich weiß ich auch, dass das nicht gerechtfertigt ist. Aber es tut gut, von Aki im Arm gehalten und gestreichelt zu werden und dabei einfach zu versuchen, die Seele baumeln zu lassen.
Doch wann war ich das letzte Mal so richtig entspannt? Gestern Nacht, okay... Aber über einen längeren Zeitraum? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Und genau dieser Punkt erschreckt mich – das muss geändert werden.
„Aki, lass uns hoch gehen, ja?“ Abrupt setze ich mich auf und schaue ihn an.
Die Überaschung ist ihm ins Gesicht geschrieben und sehe ich da etwa aus den Augenwinkeln, wie Lauri nach Hennis Hand greift?!
Geht ja wohl gar nicht, dass ich mir jetzt um deren Beziehung Gedanken mache, wenn ich gerade eine 50-50-Chance vor mir habe, meine eigene zu zerstören. Ich traue Aki das zwar nicht zu, doch man weiß ja nie...!
„Klar,“ Aki erhebt sich noch immer reichlich verdattert, „wenn du willst.“ Er legt seinen Arm um mich, winkt kurz in die Runde.
„Bis später!“
Auch Lauri ist aufgestanden, steht vor mir und nimmt mich in die Arme. „Ich bin stolz auf dich, Kleines. Du packst das!“ flüstert er mir ins Ohr.
In diesem Moment möchte ich nur noch weinen, getröstet werden und einfach alles Druck von mir werfen, der auf mir lastet.
Ich schniefe, drücke Lauri an mich und löse mich dann von ihm. Ein letztes Lächeln und dann greife ich nach Akis Hand.
Sein Gesichtsausdruck hat sich von überrascht in besorgt gewandelt. Ich übergehe es einfach, kann jetzt nicht an ihn denken, muss mich auf das Gespräch vorbereiten.
Schweigend gehen wir zum Fahrstuhl, fahren ohne ein Wort nach oben. Ich halte noch immer seine Hand, brauche diese kleine, unbewusste Unterstützung einfach. Als wir dann vor unserer Zimmertür stehen, erreicht die Nervosität ihren Höhepunkt. Ich halte das nicht mehr aus, will es endlich hinter mich bringen...
Aki öffnet die Tür und ich marschiere stracks zum Balkonfenster. Die Arme verschränkt stehe ich da und starre hinaus.
Ich höre, wie Aki seine Jacke auf das Bett wirft und sich mir dann langsam nähert. Vorsichtig legt er seine Hände auf meine Schulter, er ist selbst verunsichert.
„Willst du mir nicht sagen, was mit dir los ist? Du bist schon seit einiger Zeit so still und dauernd in Gedanken. Langsam mach ich mir echt Sorgen.“ Seine Stimme ist leise, klingt liebevoll.
Genau dieser Tonfall beruhigt mich immer, wenn es mir schlecht geht oder ich wütend bin. Und genau diese Wirkung hat es auch jetzt.
Ich denke nicht mehr darüber nach, ob es richtig ist oder falsch; welche Worte ich benutzen soll oder ob ich ihn beim Geständnis anschauen kann...
Ich drehe mich um, werfe mich in Akis Arme und gestehe unter Tränen: „Ich bin schwanger!“

50. Kapitel
Schweigen.
Ruhe.
Nur mein leises Weinen ist zu hören.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Bin völlig aufgelöst, weine leise vor mich hin und bin doch so erleichtert, dass es endlich raus ist.
Akis Atmung beruhigt sich langsam. Sein Brustkorb senkt und hebt sich nicht mehr so stoßweise und hektisch wie eben noch und ich merke, wie er sich langsam beruhigt.
Noch immer hat er kein Wort gesagt. So sehr ich mich auch davor gefürchtet habe, dass er mich anschreit, sich von mir trennt, mir Vorwürfe macht – das Schweigen jetzt ist schlimmer. Doch ich kann nur abwarten, will durch kein Wort meine Befürchtungen wahr werden lassen.
Mein Kopf liegt auf Akis Schulter und sein Shirt ist nass von den Tränen. Ich ziehe die Nase hoch und warte ab.
Dann merke ich, dass seine Muskeln zucken, traue mich selbst nicht, mich zu bewegen.
Wieder eine Bewegung, diesmal heftiger und seine Arme umschließen mich. Er umarmt mich, drückt mich an sich und legt seinen Kopf gegen meinen.
Ich halte den Atem an, muss die neue Situation erst einmal begreifen. Ich konzentriere mich stark und als ich mir sicher bin, dass Aki mich wirklich im Arm hält, umklammere ich ihn ebenfalls.
Diese kleine Geste von ihm hat mehr gesagt, als jedes Wort es wohl vermag.
So stehen wir da, eng umschlungen, bis Aki durch ein Flüstern die Stille unterbricht.
„Warum hast du mir das denn nicht sofort gesagt?“
Warum stellt der denn genau die Frage zuerst, die ich absolut nicht beantworten kann? Da der größte Druck nun nicht mehr auf mir lastet, laufen meine Gedanken jedoch wieder in geordneten Bahnen. Also versuche ich, eine Erklärung zu formulieren.
„Aki, ich weiß es nicht. Ich hatte Angst. Angst davor, diese Tatsache zu glauben; Angst davor, wie du reagierst. Verdammt, ich hatte Angst, dass du mich verlässt!“
Er löst seine Umarmung und hält mich ein Stück auf Abstand. Seinen Blick kann ich nicht deuten, warte auch eine Antwort.
„So etwas traust du mir tatsächlich zu?“ Die Enttäuschung ist nicht zu überhören und das schlechte Gewissen macht sich in mir breit.
Ich senke den Kopf, habe jetzt unheimlich Schmacht nach einer Zigarette. Warum eigentlich nicht? Ich mache mich los, grabe in meiner Handtasche nach der Schachtel und stecke uns beiden eine an. Ui, sehe ich da etwa den Anflug eines Lächelns von Aki?
„Deswegen hat Lauri deine Zigaretten geraucht,“ Aki geht ein grinsendes Licht auf. Er hat also doch bemerkt, dass Lauri mich beklaut hat.
Die Stimmung steigert sich wieder ein wenig und während wir rauchend an der Balkontür stehen, versuche ich Aki weiter meine Lage zu erklären.
„Weißt du, als ich das erfahren habe, hat mich echt ein Schlag getroffen. Ich wußte nicht, wie ich damit umgehen sollte und vor allem musste ich mir erst klar darüber werden, wie sehr so ein Kind mein Leben verändert hätte...“
„Unser Leben,“ Aki unterbricht mich, „es wird unser Leben verändern. Aber ich kann trotzdem nicht verstehen, warum du nichts gesagt hast. So lange hast du das nun schon mit dir rumgetragen und... sag mal, wie weit bist du eigentlich?“
Ich verschlucke mich fast an meiner eigenen Spucke. „Keine Ahnung, ich war noch nicht beim Arzt.“ Ich zucke mit den Schultern.
Aki schnippst seine Kippe über das Geländer. „Nicht? Warum nicht?“
„Wann hätte ich das denn tun sollen? Wir sind doch kurz, nachdem ich das erfahren habe, auf Tour gegangen. Und jetzt sind wir immer noch hier.“
Spontan küsst Aki mich. „Ich liebe dich und ich bin so froh, dass ich dich habe!“
Erstaunt über diesen Gefühlsausbruch erwidere ich natürlich gerne seine Zärtlichkeiten.
„Und das mit dem Kind bekommen wir auch hin,“ Aki klingt erheitert, „ich freu mich nämlich eigentlich darauf.“
Haben meine Ohren das gerade richtig aufgenommen? „Du freust dich?!“
„Natürlich,“ er wirbelt mich herum, „ich freu mich wirklich!“
Jetzt sind endgültig alle Bedenken über Board geworfen und ich stimme in Akis Lachen ein.
Doch plötzlich hält Aki in der Bewegung inne und lauscht angestrengt. Ich verstumme auch, man kann komische Geräusche hören.
„Hört sich an wie ein Klopfen,“ flüstert Aki, horcht noch einmal und wandert dann leise Richtung Wand.
Er legt ein Ohr an und winkt mich dann grinsend zu sich. Ich lausche ebenfalls und nun kann man auch deutlich hören, was diese Geräusche bereitet.
„Das ist Lauris Zimmer,“ ich spreche auch leise.
Aki nickt und grinst dreckig. „Und ich wette, dass Henni sich ebenfalls in diesem Zimmer befindet.“
51. Kapitel
[5 Wochen später]
„Wo soll denn dieser Karton hin?“ Keuchend kommt Aki die letzten Stufen hoch gekrochen. Ich überlege kurz, deute dann auf die Schlafzimmertür. „Räum das da hin, ich kann später noch schauen, was alles drin ist.“
Ein Seufzen, dann ist er weg und schon kommt das nächste schnaufende Wesen die Treppe hoch.
„Kannst du mir mal sagen, wie du die Sachen alle in deinem Zimmer verstaut hast?“ Lauri stellt den Karton ab und zündet sich eine Zigarette an. Meinen flehenden Blick ignoriert er geflissentlich und schüttelt mit dem Kopf.
„Du bist schwanger und bekommst keine. Nur diesen einen Grund gibt es dafür, dass wir hier deine Klamotten vier Etagen hoch schleppen.“
Ich ziehe einen Schmollmund.
„Ihr gönnt mir auch gar nichts...“
„Oh doch, mein Schatz. Wir gönnen dir, bis Mittwoch alle Sachen ausgepackt zu haben,“ Aki tritt hinter mich und legt seine Arme um meinen Bauch.
„Bis Mittwoch? Alleine? Das sind doch nur noch drei Tage.“
Ich bekomme einen Kuss auf die Wange. „Ich bin sicher, du schaffst das.“ Obwohl ich Aki nicht anschaue, kann ich mir sein schadenfrohes Grinsen bildlich vorstellen.
Ich ergebe mich. „Naja, ändern kann ich es ja eh nicht.“
„Genau. Aber zur Widergutmachung koch ich uns jetzt was,“ Lauri drückt seine Kippe im bereits bereitstehenden Aschenbecher aus und macht sich auf den Weg in die Küche.
Verwundert schaue ich ihn nach. Ob er sich bewusst ist, dass auch dort noch nichts ausgepackt ist? Ich bin gespannt, wie lange wir auf seinen Hilfeschrei warten müssen...
Doch nichts passiert. Dafür schellt es nach weiteren 10 Minuten an der Tür.
Fragend schaut Aki mich an, doch ich zucke nur mit den Schultern.
„Ich erwarte niemanden mehr.“ Also hilft nur das Öffnen der Tür.
„Hallo, ich bringe die bestellte Pizza,“ ein junger Mann mit drei gut riechenden Kartons steht vor mir.
Ich brauche einen Augenblick, dann geht mir ein Licht auf.
„Lauri, komm sofort her!“ Ohne Rücksicht auf Verluste brülle ich durch die Wohnung.
Gehorsam wie ein Hund tapst auch schon Lauri an. „Ach, mein Koch ist ja da,“ ein verschmitztes Grinsen auf den Lippen. Er reicht dem Pizza-Boten das Geld und nimmt ihm die Kartons ab.
Verdutzt schaue ich ihm hinterher, doch gewitzt ist er, das muss man Lauri lassen. Und bevor ich verhungere, lasse ich mich lieber an der Nase herumführen.
Aki schaut ebenfalls leicht verwundert, als wir das Wohnzimmer betreten.
„Ach, so kochst du also... ich hab mich schon gewundert, mit wem du in der Küche gesprochen hast. Naja, wenigstens gibt’s jetzt endlich was zu futtern.“ Er lässt die Sachen fallen, die er gerade in der Hand hatte und schnappt sich einen Pizza-Karton.
Wir hocken uns auf den Boden, jeder einen Karton auf dem Schoß. Doch Lauri hat nicht daran gedacht, die Pizza schneiden zu lassen.
Suchend blickt er sich um. „In welchem Karton ist das Besteck?“
Ich überlege kurz, deute dann auf den direkt neben ihm. „Da müsste das drin sein. Ganz unten.“
Lauri stellt den Karton auf den Boden und krabbelt zum Karton. „Mit euch will ich auch kein weiteres Mal umziehen...,“ murmelt er in seinen nicht vorhandenen Bart.
So kniet er auf dem Boden, stützt sich mit einer Hand am Kartonrand ab und greift mit der anderen suchend herum.
„Verdammt, ich komm ja nicht mal bis zum Boden. Der Karton ist echt zu voll.“
War doch klar, dass er das nicht hinbekommt – hat ja auch eine Frau gepackt! Ich erhebe mich, und nehme meine Position neben ihm ein.
Ein Griff von mir und triumphierend halte ich ein Messer in der Hand. „Tja Lauri, wenn man will, bekommt man seine Hand überall rein.“

52. Kapitel
„Nun komm schon, wir gehen da jetzt rein!“ Henni zerrt an meinem Jackenärmel. Innerlich sträube ich mich dagegen, doch dann lasse ich mich mitziehen.
Vorsichtig betrete ich den Laden und während sie sich auf die ersten Sachen stürzt, schaue ich mich erst vorsichtig um.
Alles hier ist in Rosa und Hellblau gehalten – zum Fürchten, aber typisch Kinderladen. Warum gibt es eigentlich keine Eltern, die ihre Kinder mal in vernünftigen Tönen einkleiden? Schwarz wäre doch bestimmt auch für kleine Menschen toll...
„Anna, das ist doch total niedlich,“ quietscht Henni und streckt mir einen Pullover entgegen. Ich trete neben sie und betrachte das winzige Kleidungsstück. Rosa – mit einem aufgenähten Kuschel-Bären.... schlimmer geht’s nimmer!
Automatisch kommt wieder meine rechte Augenbraue in Bewegung und zeigt nach oben. „Ist nicht dein Ernst, oder?“
Verständnislos schaut Henni mich an. „Warum nicht? Das ist doch goldig.“
Ich zucke mit den Schultern. „Pinkig trifft es wohl eher.“
Henni schüttelt mit dem Kopf, hängt den Pullover wieder zurück an seinen Platz. „Was ist denn heute nur mit dir los?“
Ich weiche ihrem Blick aus. „Was soll denn los sein?“
Abwesend greife ich in den Stapel mit Strampelanzügen und ziehe einen hinaus. Mit leerem Blick starre ich ihn an, lege ihn dann entschlossen über meinen Arm und wühle weiter. Ich spüre Hennis Blick in meinem Rücken, doch ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist. Sind es einfache Schwangerschaftsdepressionen oder falle ich nach so langer Zeit doch wieder in das schwarze Loch, in dem ich mich allzu lange aufgehalten habe?
„Anna?!“ Ich schaue auf und blicke in Hennis Augen. Sorge spiegelt sich darin wider. „Ist wirklich alles in Ordnung? Du wirkst so abwesend.“
Ich zucke mit dem Schultern und seufze. „Ach weißt du, ich weiß doch auch nicht, was momentan los ist. Wenn ich hier in diesem Laden stehe, fühle ich mich so alleine. Aki ist dauernd unterwegs und dabei sollte er derjenige sein, der mit mir Babyklamotten holt.“ Mein Blick schweift zu dem Strampler über meinem Arm.
„Versteh mich bitte nicht falsch,“ spreche ich hastig weiter, „ich freu mich, dass du dabei bist und wir so viel Zeit miteinander verbringen...“
„... aber Aki sollte bei dir sein, da hast du vollkommen recht.“ Henni legt aufmunternd einen Arm um mich. „Wir lassen das hier einfach und gehen erst mal einen Kaffee trinken. Die Jungs sind doch in ein paar Tagen schon wieder da und dann nimmst du Aki mit.“
Mit diesem Worten legt sie den Strampelanzug wieder zurück und zieht mich mit sich aus dem Geschäft.
An der frischen Luft atme ich erst einmal durch. Ich fühle mich gleich viel wohler und freier. Doch das dumpfe Gefühl in meinem Herzen ist geblieben. Die glücklichen Paare in diesem Laden haben mir mal wieder deutlich gemacht, wie schwer das Leben mit einem bekannten Musiker ist.
Ich schüttle den Kopf, um die trüben Gedanken zu vertreiben. „Und wohin gehen wir nun?“ Mit einem Lächeln will ich das ausgelassene Gefühl von eben wieder herstellen.
Zumindest scheint es bei Henni zu wirken und sie deutet auf eine kleine Seitenstraße.
„Dort hat ein niedliches kleines Café neu eröffnet, lass uns das mal ausprobieren.“
Wir laufen also in die angezeigte Richtung und schon bald finde ich mich in einem gemütlichen Ohrensessel wieder. Entspannung macht sich breit und ich lasse mich in die Polster sinken.
„Wie schaut es eigentlich bei Lauri und dir aus?“ Neugierig bin ich ja gar nicht. Henni und Lauri verbringen viel Zeit miteinander und sie ist nach der Tour auch wieder mit nach Helsinki gekommen. Ob sie jedoch bleibt, steht noch in den Sternen.
Henni entfährt ein Seufzen. „Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Er ist wirklich total lieb, aber mein Urlaub ist bald vorbei und ich muss dann wieder zurück. Ich kann mir ja schlecht nach so kurzer Zeit hier wieder ein neues Leben aufbauen, ohne zu wissen, wie es mit Lauri und mir weiter geht.“ Nach diesen Worten beginnen ihre Augen zu strahlen. „Aber ich glaube, ich bin mittlerweile über beide Ohren in ihn verschossen!“

53. Kapitel
„Anna, das Kind wird doch depressiv, wenn es in diesem schwarzen Bettchen liegen muss,“ meine Mutter schon wieder... ich verdrehe so auffällig wie möglich die Augen.
„Mama, diesen Kampf musste ich schon mit Aki austragen und ich habe ihn gewonnen. Meinst du wirklich, dass ich jetzt klein beigebe, nachdem ich das Bett die vielen Stufen hochgetragen habe? ... “ Hinter mir ist ein empörtes Räuspern zu hören. „... okay, nachdem Aki das Ding hochgeschleppt hat....“
Sie zuckt nur mit den Schultern. „Du musst wissen, was du tust, aber ich ...“ Ich unterbreche sie unhöflich. „Du würdest natürlich alles anders und besser machen, ich weiß.“ Ich atme laut aus, dann drehe ich mich um und lasse meine Mutter einfach stehen.
Ich gehe an Aki vorbei, der mich mit großen Augen ansieht. Er konnte die Abneigung gegen meine Mutter noch nie verstehen – er musste aber auch nicht so viele Jahre mit ihr unter einem Dach verbringen.
Egal, was ich gemacht habe, es war falsch; dauernd wurde gemeckert; meine Klamotten waren schrecklich, meine Frisur unannehmbar, meine Musik störend... es gab bisher nichts, was ihr gepasst hat. Selbst als ich meinen Eltern mitgeteilt habe, dass ich mit Aki zusammenziehe, fand sie Gründe, die dagegen sprechen sollten.
„Der wird dich doch betrügen...“
„Ein Rockstar ist nicht gut für dich...“
„Schwanger? Wer weiß, wer noch alles ein Kind von ihm hat...“
So gings das tagein, tagaus... bis ich irgendwann einfach meine Sachen gepackt habe und zu Aki gezogen bin.
„Schatzi, träumst du schon wieder?“ Aki tritt an mich heran. „Lass dich von meiner Mutter nicht so runterziehen, sie meint es doch nur gut.“ Ein Kuss auf meine Wange.
„Ja eben, sie meint es ja nur gut,“ mein Tonfall ist energischer als gewollt, „aber ihr ist noch nie in denn Sinn gekommen, dass ich es vielleicht auch gut meine? Herrgott noch mal, kann man es ihr denn niemals Recht machen?“
Böse funkle ich meine Mutter an, die im Türrahmen steht.
„Kind,“ sie kommt auf mich zu, „beruhig dich erst mal, dass sind bestimmt nur deine Hormone.“
„Hormone?“ Meine Stimme überschlägt sich. „Ich zeig dir gleich mal, was Hormone machen können...“ Doch dann winke ich ab. „Vergiss es, es hat ja eh keinen Sinn.“
Ich greife nach meinem Mantel und gehe zur Tür. „Hol mich bei Lauri ab, wenn ich hier wieder meine Ruhe haben kann,“ rufe ich Aki noch zu und dann verschwinde ich.
Wenige Augenblicke später bin ich auch schon aus der Tür. Ein frischer Wind ist aufgekommen und ich stecke meine Hände in die Manteltaschen. Energisch gehe ich die Straße entlang, als ich Schritte hinter mir höre.
„Anna,“ jemand ruft nach mir, „warte doch bitte!“ Meine Mutter, sie ist mir noch nie nach einem Streit gefolgt. Ich bin gespannt, was sie mir wohl zu sagen hat und bleibe stehen.
Atemlos bleibt sie vor mir stehen, ich habe in der kurzen Zeit ein gutes Stück hinter mich gelegt. „Anna, ich möchte nicht, dass du im Streit jetzt gehst.“
Ich antworte nicht, warte weiter ab.
„Es hat mir weh getan, dass du einfach vor mir weggelaufen bist... Kind, du stellst mich als Rabenmutter da!“ Der Vorwurf ist mal wieder nicht zu überhören, aber diesmal klingt auch etwas anderes mit...
„Mam, meinst du, es tut mir nicht weh, wenn du dauernd auf mir rumhackst? Meine ganzen Entscheidungen hast du kritisiert; du hast mir noch nie das Gefühl gegeben, dass ich gut genug für dich wäre...“
Die Augen meiner Mutter weiten sich. „Anna, sag so was nicht. Ich liebe dich, du bist mein Kind! Natürlich bist du gut genug für mich,“ sie kommt einen Schritt auf mich zu. „Ich möchte dich doch nur vor Fehlern bewaren, möchte dir das Leben einfacher machen!“
Ich seufze. Es tut gut, dass zu hören.
Sie kommt noch einen Schritt auf mich zu, nimmt mich zögernd in die Arme. Ich bin erstaunt, viel zu selten passiert das... doch dann schließe ich sie ebenfalls ein.
Als sie meine Erwiderung merkt, verstärkt sie den Druck, ein Seufzen entfährt ihr. „Ich liebe dich, mein Kind.“ Leise dringen ihre Worte zu mir durch...
Ich möchte diesen Moment genießen, ihr etwas Liebes antworten... doch ein Schmerz lässt mich zusammen zucken...

54. Kapitel
Wieder dieses Ziehen und langsam bekomme ich Angst. Was zum Teufel ist das?! Unter Schmerzen krümme ich mich, verspüre neben diesem Ziehen nur Panik.
Meine Mutter hält mich fest. „Oh Gott, was ist mit dir?“
Verzweifelt schaue ich sie an, Tränen stehen mir in den Augen. „Mam, bitte hilf mir...“
Sie nickt kurz, dann greift sie mir unter die Arme und schleppt mich mühsam zurück zum Haus.
Kaum sind wir an der Tür angekommen, wird diese auch schon aufgerissen. „Anna, was ist los? Geht’s dir gut?“ Aki sieht mich besorgt an. „Du siehst doch, wie wunderbar es ihr geht, oder?“ Aki schaut seine Schwiegermutter in Spe verwirrt an.
„Natürlich geht es ihr nicht gut und beweg deinen Hintern zum Telefon und ruf einen Krankenwagen.“
Aki nickt nur kurz und springt sofort wieder zu unserer Wohnung hoch.
„Sonst geht er doch auch nie ohne sein geliebtes Handy wohin,“ murmle ich. Ich stehe noch immer gekrümmt, auf meine Mutter gestützt da. Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie sie grinst.
„Gehen die Schmerzen besser?“
Ich atme tief auf und nicke. Vorsichtig lasse ich Mutter los und setze mich auf die Stufe. „Ich hab Angst.“
Sie lässt sich neben mir nieder und legt einen Arm um mich. „Ich bin bei dir, mein Schatz. Es wird alles wieder gut.“
Ein wenig beruhigt lehne ich meinen Kopf an ihre Schulter. So verweilen wir, bis wir aufgeregte Schritte hören.
„Das ist Aki, ich höre es an den Schritten...“
„Du meinst das Trippeln?“
„Nein, das muss Lauri sein,“ grinse ich, doch schon setzt ein weiteres stechender Schmerz diesem wieder ein Ende.
„Der Krankenwagen muss gleich hier sein,“ Aki ist völlig außer Atem. Er bleibt eine Stufe über uns stehen.
Draußen hören wir schon das Martinshorn. Sofort springt meine Mutter auf und hilft mir ebenfalls beim Aufrichten. Aki bleibt regungslos stehen.
„Du darfst mich ruhig anfassen und mir helfen, ich zerbreche dadurch nicht,“ gifte ich ihn an, doch das tut mir im nächsten Moment schon wieder leid.
Er ist genauso verunsichert wie ich, durchlebt wahrscheinlich nahezu die gleiche Panik wie ich – doch ich muss es an jemandem auslassen und er kommt mir gerade richtig. Ich werde mich später entschuldigen, geht es mir durch den Kopf, als die Sanitäter mit einer Bahre kommen.
Wer hat denn die Tür aufgemacht? Keine Zeit zum Nachdenken, die nächste Schmerzwelle rollt an.
Ohne Gegenwehr lasse ich mich in den Krankenwagen schieben und merke noch, wie sich der Wagen ein zweites Mal leicht nach unten neigt. Dann taucht der Kopf meiner Mutter neben mir auf und sie greift nach meiner Hand. „Alles wird wieder gut.“
Die Abstände zwischen den Schmerzen werden immer kürzer, das können und dürfen doch noch gar nicht die Wehen sein!
Ich zwinge mich, ruhig zu atmen und an etwas anderes zu denken. Aki? Nein, auf den bin ich momentan sauer – oder doch Aki? Meine Gedanken driften ab zu unserer Einweihungsparty. Wir haben lange, laut und fröhlich gefeiert und Aki hat allen voller Stolz erzählt, dass er bald Papa wird. Ich merke, wie die Angst und der Ärger weichen – ein warmes Gefühl macht sich breit.
Der Wagen hält an und ich werde ins Krankenhaus geschoben. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich nicht alleine bin.
„Wir bringen Sie direkt in die Gynäkologie, Frau Helkovaara, dann wissen wir bald mehr.“
Schon werde ich in den nächsten Raum geschoben, das grelle Licht blendet mich. Doch mir ist das alles egal; ich will nur, dass es aufhört.
Ich merke, wie sich die Ärzte unterhalten. Bemerke auch, dass ab und zu jemand mit mir spricht. Doch ich konzentriere mich voll und ganz auf die warme Hand, die meine hält – dann dämmere ich dahin.

55. Kapitel
Als ich langsam wieder zu mir komme, ist es dunkel im Raum. Vorsichtig schaue ich mich um. Ich liege in einem Krankenzimmer, mittlerweile ist es Nacht. In einer Ecke leuchtet eine kleine Lampe und dort sitzt auch jemand. Behutsam drehe ich den Kopf in diese Richtung. Es ist Aki. Noch hat er mich nicht entdeckt, sondern betrachtet ein Bündel, was in seinen Armen liegt. Instinktiv streiche ich mir über den Bauch. Er ist flach – na ja, zumindest flacher als vorher...
Dieses Bündel dort, das ist also mein Baby. Ich kann diesen Gedanken nicht begreifen, es ist noch zu irreal.
Aki wiegt sich leicht hin und her, summt leise vor sich hin und betrachtet für sein Kind. Es ist ein schöner Anblick. So schön, dass mein Herz zu springen zerdroht – nein, ich habe eher das Gefühl, vor Glück zu platzen.
Lächelnd drehe ich mich weiter zu den beiden um, möchte diesen Augenblick ganz fest in meinem Gedächtnis einbrennen.
Durch das Geräusch der Decke unterbrochen, schaut Aki zu mir rüber und ich kann in seinen Augen das gleiche Glück erkennen, was auch ich fühle.
Behutsam erhebt er sich und kommt zu mir ans Bett. Wir sprechen kein Wort, schauen uns einfach nur an. Ich möchte ihm sagen, wie viel mir dieser Moment bedeutet, wie sehr ich ihn liebe – doch ich habe Angst, diesen magischen Moment zu zerstören.
Vorsichtig setzt sich Aki zu mir aufs Bett. „Willst du auch mal halten?“
Ich nicke, richte mich auf. Wieder durchfährt mich ein Schmerz, doch diesmal nicht so heftig wie zuvor. Erschrocken lasse ich mich wieder in die Kissen fallen. „Was ist eigentlich passiert?“
„Es gab Komplikationen,“ Aki spricht leise, um das Baby nicht zu wecken. „Sie haben unser Baby holen müssen. Aber mach dir keine Sorgen, es ist alles okay.“
„Hm, dann ziert mich jetzt also eine schöne Narbe am Bauch,“ stelle ich resignierend fest.
„Ach was, die ist nur winzig. Genau wie unser Baby hier,“ wieder strahlen Akis Augen das Kind in seinen Armen an.
„Setz dich vorsichtig auf, dann gebe ich ihn dir.“
Diesmal auf die Wunde achtend, tue ich was mir befohlen. Behutsam reicht Aki mir das Baby.
„Lass ihn ja nicht fallen,“ belehrt er mich, was ich mit einem strafenden Blick quittiere.
„Ich kann schon auf meinen Sohn aufpassen!“ Wie sich das anhört: mein Sohn! Noch immer kommt es mir unwirklich vor.
Die ganze Zeit der Schwangerschaft war es natürlich, über das Wesen in mir zu sprechen – doch jetzt ist er da und es scheint mir einfach zu schön, um wahr zu sein.
Ich schaue in das winzige Gesicht, er schläft ganz friedlich. Unter seiner Mütze lugen schwarze Haare hervor – mir fällt ein Stein vom Herzen. Wer will schon ein glatzköpfiges Kind?
„Er ist so klein,“ mehr fällt mir momentan nicht ein.
Aki dreht sich kurz, sitzt nun genau neben mir und legt einen Arm um mich.
„Wir brauchen noch einen Namen, schließlich können wir ihn ja nicht ‚Baby’ rufen.“
Aki lacht kurz auf und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. „An was hast du denn da gedacht?“
„Valentin Sami,“ kommt es sofort von mir. Ist ja nicht so, als hätte ich nicht neun Monate darüber nachgedacht.
Aki runzelt die Stirn, denkt kurz darüber nach.
Dann nickt er. „Valentin Sami Hakala, das gefällt mir.“
„Tut mir ja leid, dich schon enttäuschen zu müssen, mein Schatz... aber Hakala ist nicht drin.“
„Warum nicht?“
„Naja,“ ich zeige meinen Ringfinger, „siehst du da was dran? Nein, also bleibt es bei Helkovaara.“
„Soll das etwa eine Anspielung sein?“ Aki schaut mich schmunzelnd an.
„Nein, ganz und gar nicht.“ Ich lehne meinen Kopf an ihn, „ich bin glücklich so, wie es jetzt ist.“
Es herrscht eine zufriedene Ruhe.
„Du Aki?“
„Hm?“ Ich merke, dass er schon fast eingeschlafen ist. War ja auch ein anstrengender Tag...
„Der Sommer, in dem ich dich traf... also der letzte Sommer... das war der Beste meines Lebens...“

~ THE END ~

(geschrieben vom 18.08.04 – 20.02.05)

von Rosinchen:
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